Verschneite Wunschwelt

Für ein paar Minuten wurde sie selber wieder zum Kind. Gestern abend lehnte M. für einige Zeit über der Fensterbank und schaute regungslos und still hinaus auf den Garten. Es war bereits stockdunkel, nur noch die dicken flauschigen Schneeflocken tanzten wie wild zu Boden und reflektierten dabei das tagsüber gespeicherte Licht der Kollektorenlampen, die wir im ganzen Garten verteilt haben. Sie schien so fasziniert, dass ich zu ihr ging und sie fragte, warum sie so lange an der Fensterbank verharre. Da erzählte sie mir von ihrem Wunsch: dass die ganze Welt einschneien möge, so dass keiner mehr das Haus verlassen könne. Eine vollkommen verschneite Welt, in der die üblichen Abläufe und Regeln nicht mehr gelten, ergänzte ich still für mich, weil ich ihren Wunsch und was sie alles in ihn hineinlegte, sehr gut verstand. Und vielleicht, weil wir beide wussten, was der Wunsch in der jetzigen Situation bedeuten konnte, ging er auch in Erfüllung. Als ich heute Morgen aus dem Fenster schaute, traute ich meinen Augen kaum: Alles war mit einer dicken Schneeschicht überdeckt. Die Bäume überzogen wie mit Zuckerguss, fast wie im Märchenbuch oder auf diesen wunderbar kitschigen Illustrationen von Winterlandschaften. So eine vollkommen zugepuderte Landschaft habe ich hier nie gesehen, jedenfalls so lange ich mich in meinem immerhin 37-jährigen Leben erinnern kann. Und wie der Wetterbericht im Radio erklärt, war das Schneeinferno nur auf eine kleine Region, eben unsere Region beschränkt, die am Rand einer großen Schneefront lag. Wenige Kilometer weiter war gar kein Schnee gefallen. Kein Zweifel, es war der Wunsch es Vorabends, der so passend und so richtig war, dass er sich erfüllen musste. Auch wenn der Schnee wenige Stunden später schon wieder geschmolzen war und auch nicht die ganze Welt einhüllte: für uns und für diesen halben Tag wurde die Wunschlandschaft Wirklichkeit. Und das gibt uns Hoffnung.

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