An vegetabile christliche Traditionen erinnern

Barbara-Zweige haben wir schon seit einigen Jahren nicht mehr geschnitten. Heute oder, wie ich vorhin erst durch eine Onlinerecherche herausgefunden habe, in einigen anderen Ländern am 17. Dezember, wäre dazu die Gelegenheit (gewesen). Das Spiel mit dem „Blütenwunder“ hat mich zu meiner Zeit in D. sehr fasziniert. Aber damals hatten wir zuhause auch noch den bullig wärmenden Holzbrandofen alter Bauart im Gebrauch. Und an der damaligen Arbeitsstätte in einem Altbau konnten wir den Strauß mit am 4. Dezember geschnittenen Kirschbaumzweigen direkt auf den tiefen Marmor-Fensterbank platzieren unter der ein Heizkörper beständig viel Wärme abgab. Mit anderen Worten: Die Voraussetzungen waren damals gut, das Wunder wahr werden zu lassen. Und wir waren damals auch geschickt darin, das Aufspringen der ersten Knospen exakt an Heilig Abend zu lancieren, indem wir die Wärmeexposition der Zweige zwischendurch auch mal unterbrachen. Mit den Veränderungen beim Heizen ist es dann mit dem Blütenwunder schwieriger geworden. Vielleicht ist im Laufe der Jahre aber auch die quasi kindliche Faszination für solche vegetabil-christliche Traditionen geschwächt worden. Eigentlich schade, aber auch nicht verwunderlich, wenn man vergleichbaren Schwund in vielen ehemals traditionellen gerade christlichen Bereichen beobachtet. Ich finde es dennoch wichtig, anhand des Kalenders an solche Traditionen zumindest thematisch anzuknüpfen und zu erinnern, wie grundlegende Vorstellungen von Werden und Vergehen, vom Ewigen Leben mit einfachen, aber eindrücklichen und erinnerbare Mitteln ins Zentrum des Bewusstseins gerückt werden können.

Prinzip des Lebens

Dieser November ist so typisch, dass ich meine Affinität zu dem Geburtsmonat besonders gut rekonstruieren kann. Im Niedergang, im Dahingehen des Lebendigen in der Natur liegt eben auch ein Potenzial zum Neuanfang. Es sind diese Auflösungsprozesse, diese Kälte, die nicht nur als solche wahrgenommen werden, sondern vor allem von dem, was sie ablöst, Wachstum, Blüte und Wärme. Dieses Skorpionhafte des November, eine Gewisse Lust an der Umwandlung und dem Sich-Neu-Erschaffen, ist wohl sehr prägend für mich und immer so gewesen. Es bindet mich sehr eng an die Lebensform der Bäume, die geradezu exemplarisch für die Einheit von Werden und Vergehen stehen, durch die wir dieses im Jahresverlauf erst richtig wahrnehmen und verstehen – als Prinzip des Lebens.

Sprach- und fassungslos

Solche Unglücke wie das gestern in den französischen Alpen geschehene hinterlassen einen sprach- und fassungslos. In gleichem Maße, wie man über mögliche Hintergründe und Motive rätselt, richtet sich der Blick auf das Wesentliche und Grundlegende des Lebens. Die Betrachtung des Natürlichen, die Selbstspiegelung in den Prozessen des Werdens und Vergehens können uns in „normalen“ Zeiten an dieses Grundlegende heranführen oder eine ohnehin vorhandene Nähe aktualisieren. Das ist auch der Grund für meine langjährige Beschäftigung mit diesem Themenfeld. Ich habe tatsächlich ein Bedürfnis danach und das sichere Gefühl, dass es in diesem Feld etwas nachzuholen gilt, etwas, das uns in unserer hektischen Wirtschaftswelt aus dem Blick geraten ist. Aber in Betrachtung solcher Katastrophen verblasst einfach alles und es will nicht einmal im Spiegel und eines starken Lebenssymbols gelingen, einen Sinn zu erkennen, der Trost spenden könnte.