Baummetamorphosen II

Die jahreszeitlichen Überlappungen im aktuellen Erscheinen der Bäume hat mich auch heute wieder beschäftigt. Beim Wildapfelbaum und beim Weißdorn sind es die mumifizierten Fruchtrelikte des Spätherbsts, die mit dem gleichzeitigen Aufbrechen der Blatt- und Blütenknospen zu sehen sind. Interessant ist, wie beides genau im gleichen Stadium angekommen ist, nur eben gegenläufig. Die denaturierten Früchte stehen kurz davor, sich endgültig von den Zweigen abzulösen, während die Blütenblätter kurz davor stehen sich zu öffnen. Eine wunderbare symbolträchtige Szenerie, wie ich finde, die angesichts des oft gestörten Rhythmus‘ im jahreszeitlichen Wechsel die Existenz der Jahreszeiten am konkreten Beispiel dennoch aufblitzen lässt.

Jahreszeitliche Baummetamorphosen (Wildapfelbaum)
Jahreszeitliche Baummetamorphosen (Weißdorn)

Jahreszeitliche Baummetamorphosen

Das ist gerade eine Übergangszeit, in der viele frühe Baumblüten schon wieder vergehen und andere Arten erst beginnen, ihre Blütenknospen zu öffnen. Immer wieder skurril finde ich, wie sich die Entwicklungsphasen der Bäume über lange Zeitphasen überschneiden können und dabei manchmal zwei Stationen überbrücken. Aufgefallen war mir das schon vor Tagen an manchen Wildapfelbäumen, deren kleine Äpfelchen wie schwarz verschrumpelte Kohlen an den Zweigen hängen. Der Winter und all der Regen und Frost konnte sie noch nicht von den Zweigen lösen, während sich neues Frühlingsgrün neben ihnen ausbreitet. So beobachte ich dasselbe heute bei den Schlehdornhecken, die immer noch fast mumifiziert wirkende Früchte vom Vorjahr in großer Zahl tragen, während ihre neue Blütephase schon wieder fast abgeschlossen ist. Das strahlt eine doppelte Morbidität aus und lässt das Vergehen in den Zwischenzeiten üppigen Frühlingswachstums immer wieder hervorscheinen, um bald schon wieder von reichem Blattgrün und neuen Früchten abgelöst zu werden. Bei den Heckenrosen sind es die eingeschrumpelten, dunkelrot bis schwarz gewordenen Hagebutten, die immer noch zu sehen sind, während sich die neuen Blätter schon breit machen. Es ist, wie wenn die Bäume und Sträucher mitten in der Weiterentwicklung die andere Seite der Auflösung mit sich tragen und das zwischendurch auch zeigen.

Jahreszeitliche Baummetamorphosen I (Schlehdorn)
Jahreszeitliche Baummetamorphosen II (Schlehdorn)
Jahreszeitliche Baummetamorphosen III (Heckenrose)
Jahreszeitliche Baummetamorphosen IV (Heckenrose)

Ein letztes Aufbäumen

Es scheint nun doch so etwas wie eine vorweihnachtliche Nachfrage zu geben. Vielleicht liegt es aber auch an dem konstant ungemütlichen Wetter und daran, dass die Tage schon so kurz geworden sind. Da kommt verstärkt das Bedürfnis nach symbolischer Kompensation auf. Und merkwürdigerweise richtet sich die Aufmerksamkeit dann besonders auf die Bäume. Auf andere Weise natürlich als in der hellen und warmen Jahreszeit. Man nimmt jetzt eigentlich das Symbolische, das mich seit Jahren so beschäftigt, verstärkt in den Blick, gerade weil die Präsenz der Bäume allmählich schwindet und sie sich auf ihre Basisexistenz zurückziehen. Der Blätterherbst mit seinen idealerweise warmen und intensiven Farben ist ein letztes Aufbäumen, schon auf der Basis eines Zerfalls- und Abbauprozesses, der uns im Auge aber im Gegenteil farbenfroh erscheint. Immer aber ist dieser Eindruck gemischt mit einer kaum vermeidlichen Melancholie, die das Vergehende im Zyklus der Jahreszeit mit der eigenen Vergänglichkeit sehr bildhaft in Verbindung bringt.

Was Herbst bedeuten kann

Das ist schon richtig Herbst, fast dem typischen Novemberwetter gleich, mit nasser Kühle und wenig Licht. Ein krasser Kontrast zum zuletzt noch beinahe hochsommerlichen Spätsommer. Bei aller Annehmlichkeit der Gartensaison, natürlich hat auch diese Jahreszeit ihre Reize, die vor allem mit dem beginnenden Rückzug zu tun haben. Während des Blätterherbstes zeihen wir uns schrittweise zurück ins Haus, aber die natürliche Kulisse bleibt eben noch Beobachtungsgegenstand. Die zieht uns noch an, während wir in Rückwärtsbewegung sind. Und gewinnt gerade durch die neue Distanz besonderen Reiz. Ein Reiz, der auch mit den Anzeichen der Vergänglichkeit zusammenhängt. Das spielt wohl die Ästhetik des Verfalls des sich Auflösens hinein. Und wie so oft helfen uns die Bäume, dieses im Äußeren wahrnehmbar zu machen, eben durch die Veränderungen der Bäume dort draußen selbst, und im Inneren ein Pendant im Seelischen, in der inneren Wahrnehmung zu erschaffen, das wie ein individueller Spiegel wirkt. So erschaffen wir die äußere Natur im Inneren auf eigenwillige Art nach, stärken unsere Verbindung zu diesem Äußeren und erkennen unsere unmittelbare Verbindung zum Natürlichen besonders eindrücklich.

Plastische Formen des Herbstes

Physalis-Fruchthüllen im Herbst
Es sind keine Baumfrüchte, machen aber dem, was mich in dieser Zeit an den Früchten der Pfaffenhütchen so fasziniert, starke Konkurrenz. Formale Wunderwerke, die in ihrer wie vorgeführt wirkenden Vergänglichkeit wie eine Verkörperung des Herbstes wirken. Anders als die Pfaffenhütchen sind die Fruchtblasen der Physalis auch dann, oder vielleicht gerade dann attraktiv und ausdrucksstark, wenn sie im Zerfallsprozess befindlich sind. Aus leuchtendem Rot wird dann Orange und Rostbraun, bis irgendwann nur noch das filigrane weißliche Gerüst übrig bleibt. Eine schrittweise Auflösung ins Nichts.

Vanitas-Konzept

Das fotografische Konzept mit altem Buchcover und herbstlichem Laub habe ich heute noch einmal überarbeitet und verschiedene Varianten getestet. Zudem habe ich es inhaltlich weiterentwickelt. Während des Erstellens von Varianten und der Arbeit am Detail ist mir der Begriff Vanitas in den Sinn gekommen. Später tauchte in diesem Zusammenhang auch der ermahnende Ausdruck „Memento mori“ in meinem Gedächtnis auf. Natürlich geht es genau darum. Das Vergängliche, die Vergänglichkeit allen Seins, des menschlichen, aber eben auch das zyklische Vergehen des natürlich Gewachsenen in der uns umgebenden Natur. Das Buch als Sinnbild menschlicher Kultur und die beiden Herbstblätter, die auf das Ende des bestehenden Vegetationszyklus hindeuten. So greifen die weiteren und die im jährlichen Rhythmus ablaufenden Zyklen ineinander und stehen für den Zusammenhang alles Lebendigen. Diese Gedanken sind dann auch in die Titel, Kurzbeschreibung und die Keywordliste der Microstock-Arbeiten eingeflossen. “1/1”]