Das heutige Allerheiligen

Es war ein Allerheiligen, das ich mir für die jetzige Phase meines Lebenslaufs und der Familiengeschichte so gewünscht habe. Ganz anders zwar als in Tagen der Kindheit, als der Besuch der Gräber Verstorbener fester Bestandteil des Feiertags war, ebenso wie der Besuch des Friedhofs im eigenen Ort und das Aufsuchen von Gräbern verstorbener Bekannter und Freunde. Dies ist heute, nicht nu wegen des Wetters, kein Thema mehr für uns. Aber der Tag hat in seinem biographischen Bedeutungshintergrund und seiner allgemeineren Symbolik nicht an Stellenwert für uns alle verloren. Wichtig ist mir v. a., an diesem Tag mehr in Ruhe lesen oder reflektieren zu können. Das ist immer auch eine Rückschau auf eigene Lebenserfahrung und das gemeinsame Erleben mit Verstorbenen. Aber auch ein Anlass, die Vergänglichkeit und Endgültigkeit als Teil des Lebens verstehen und anerkennen zu lernen. Viel Innerlichkeit und Transzendenz spielt da hinein, weniger die natürliche Erscheinung des Blätterherbstes da draußen, der in der extremen Lichtarmut dieses Feiertags einen ungeschminkten Eindruck hinterließ.

Was in uns Leben und Tod transzendiert

Der Oktober 2024 war schon nicht besonders lichtreich, aber in diesem Jahr war der Monat mit noch etwas weniger Sonnenstunden gesegnet. Immerhin haben wir gegen Ende noch einige erfreulich helle Tage erlebt. Und immerhin haben wir nach wie vor, und wohl auch noch eine Weile länger, für die Jahreszeit milde Temperaturen, was das Herbstlaub länger an den Bäumen hält und uns einen erkennbaren Blätterherbst beschert. Anders als offenbar vielen in der Nachbarschaft sagt mir Halloween eigentlich gar nichts. Aber das morgige Allerheiligen hat in der Familie traditionell eine tiefgehende Bedeutung. Und es ist für mich, schon aus gewissen kindlichen Prägungen herrührend mit einer ganz besonderen Ästhetik behaftet, die mit dem inhaltlichen Sinn einhergeht. Das hat dann nichts mit oberflächlicher Gruselanmutung zu tun, sondern mit einem sehr grundlegenden Blick auf das Verhältnis von Leben und Tod, vor allem auf unsere geistige Existenz, für die diese Begriffe keine Bedeutung haben. Für einen Skorpion wie mich sind das die eigentlichen Fragen, die es sich lohnt nicht nur an Allerheiligen zu reflektieren.

Einen wichtigen Teil unserer Existenz im Blick

Eine Ruhe-Sonntag, der ziemlich willkommen war nach einer wieder sehr intensiven und pausenlosen Arbeitswoche. Aber mit Arbeiten im Haus angefüllt war der am Vormittag auch. Immerhin bin ich am Nachmittag zu der selten gewordenen Kontemplation und Lektüre gekommen. Einer Lektüre, die einmal über meine Projektinhalte hinaus geht und für mich nahezu lebenswichtig geworden ist. Die Baumsymbolik ist dabei nur noch selten Gegenstand, aber Themen, die sich um den Teil unserer Existenz drehen, die man als eine geistige bezeichnen kann, die sollen in diesen wirklich kontemplativen Stunden zur Geltung kommen können. Und ganz sicherlich nachwirken in der übrigen Zeit, in der das geistige Leben schließlich nicht stillsteht. Sich dies bewusst zu machen und stärker zu durchdringen, ist mir aber wichtiger geworden. So hoffe ich auch auf diesem Gebiet auf so etwas wie Fortschritt.

Für eine Stärkung des Grundlegenden

Der Verlauf des Sommers macht mich ein wenig ratlos. Ganz anders ist das wie von den Vorjahren gewohnt. Vielleicht eher wie der Sommer von „früher“, aber doch von Ungleichgewichten geprägt, die wie eine Spiegelung des Ungleichgewichts in Gesellschaft, Psyche und Kultur wirken, das uns seit Beginn der Krise mit unverhofften Wucht heimgesucht hat. Die Mitte zu finden ist ohnehin die große Herausforderung unserer Zeit, aber sie so mühsam immer wieder erarbeiten zu müssen, wirkt auf mich wie ein riesiger Rückschritt. Zumindest ist es ein Umstand, der Fortschritt verhindert, zusätzlich zu dem unverständlichen Vertrauen in rein wissenschaftliche Denkart und wissenschaftliche Erklärung, das eigentlich vor über hundert Jahren schon überwunden schien. Damals gab es vielversprechende Ansätze für eine Stärkung des transzendenten Bewusstseins und eine Anerkennung seines bestimmenden Einflusses auf unser Denken und Handeln. Was nur ist übrig von dem, was u. a. die anthroposophischen Einsichten hätten auf breiter Front anstoßen können? Wir sollten uns gerade in dieser Krise kräftig schütteln und den Riesenumweg endlich abkürzen, zu wirklich Wichtigem zurückkehren. Gegenwärtig ist das nur schwer vorstellbar, wenn politische Rahmensetzungen von den wissenschaftlichen Empfehlungen der Virologen, Physiker und Mediziner dominiert wird. Lasst uns bitte alles Andere nicht vergessen, und dass dieses Andere das wirklich Grundlegende darstellt. Die Baumprojekte verstehen sich vor allem als Beitrag zu dieser Stärkung in der Orientierung am Grundlegenden.

Das Höhere im Anblick der Bäume erkennen

Das Mai-Kalenderblatt meines großformatigen Baumkalenders ist auch wieder sehr eindrucksvoll. Ein stimmungsvoller Buchenwald, dessen Standort nicht näher angegeben ist. Aber dabei geht’s ohnehin um die Atmosphäre, das von oben einfallende Licht, die dadurch hervorgerufenen Abschattungen und Transparenzspektren des Blattgrüns, das Traumwaldartige, das die Anwesenheit von etwas Höherem erahnen lässt. Ein Symbolbild letztlich für das Aufscheinen des Göttlichen in der Natur. Solche Fotografien sind nur eine Möglichkeit, das zum Ausdruck zu bringen. Auch die andere Perspektive, die auf die vielen faszinierenden Details von Bäumen, ihrer Blätter, Blüten und Früchte, Ihrer Knospen, Äste und Wurzeln, können diese Höhere anzeigen und uns helfen, uns mit ihm zu verbinden.

Allerheiligen, Symbole, Transzendenz

Allerheiligen, und keine Gelegenheit zu einem Friedhofbesuch. Nach der Einebnung von Gs Grab ist es auch nicht mehr dasselbe. Die ehemalige Stätte ist heute von einem neu angelegten Gehweg durchschnitten. Schwer deshalb, den Ort in unverstellter Form zu erinnern. Dennoch werde ich das sicher in den kommenden Tagen nachholen. Idealerweise morgen, wenn es mit dem Allerseelenfest ohnehin noch passender ist. Die Feiertagsatmosphäre, die besondere Energie dieses Tages war dennoch für mich und sicher auch für den Rest der Familie durchweg spürbar. So wie ich für mich selbst sagen kann, dass sich Feiertage einfach anders anfühlen, auch wenn sie auf einen Wochentag fallen. Die Existenz solcher kirchlichen Feiertage hat für mich große Bedeutung, als Ruhepunkte der Kontemplation. Als Projektionsflächen für Traditionen und grundsätzliche religiöse Motive. Diese Bedeutungen sind das eigentlich Wesentliche, das hier und da Unterstützung findet durch äußere Symbole. Zum Beispiel durch die in der Dunkelheit rot oder weiß leuchtenden und flackernden Grablichter, durch allerlei Kränze, Gestecke und Symbolformen, die sich auf den Gräbern zum Andenken der Angehörigen finden. Und eingerahmt durch die immergrüne Bepflanzung des Friedhofs mit Zypressen, Eiben, Kiefern und Fichten, die das Bleibende vergegenwärtigen und damit für die Transzendenz des Todes stehen. Tod und ewiges Leben im christlichen Sinne, Tod und Leben stehen hier eng beieinander. Und an keinem anderen Tag ist die Allgegenwart der Seelen unsrer verstorbenen Angehörigen so im Zentrum der Aufmerksamkeit wie an Allerheiligen und dem folgenden Allerseelentag. Gut, dass wir solche Gedenktage haben.

Das Transzendente im Natürlichen erkennen

Immerhin, die Sonnenstundenbilanz für diesen August ist minimal besser als bei dem ebenfalls ins Wasser gefallenen August 2010. Also doch nicht der lichtärmste Hochsommermonat der letzten Jahre. Den Eindruck hätte man aber doch gewinnen können. Zu bedauern sind wirklich die daheim gebliebenen Schulkinder, deren Ferien so sicher nicht die reinste Freude waren. Solche meteorologische Not soll aber auch seine kommunikativen Seiten haben. So haben die beiden 13-jährigen mir vor einigen Tagen erzählt, dass sie nie so oft Gesellschaftsspiele gespielt hätten wie in diesen Sommerferien. Da wir in der Familie den Garten, seine ästhetischen Seiten und die eigenen Erzeugnisse aus Garten und Streuobstwiesen quasi zum kleinsten gemeinsamen Nenner erkoren haben, fällt es mir auch bei solch eher widerständiger Witterung nicht schwer, den Kontakt zu halten. So verfolge ich die grünen Pflanzen und dabei vor allem die Bäume meiner Umgebung immer mit Aufmerksamkeit. Ihre Veränderungen, Früchte, ihr schrittweiser Rückzug im Herbst sind wichtige Bestandteile meines Naturerlebens. Und ich bin froh, so dem, wofür sie im weiteren Sinne stehen, immer wieder ein Stück näher zu kommen. Es scheint so, dass die transzendenten Dimensionen des Natürlichen zwischendurch immer wieder durchschimmern, wenn man sich kontinuierlich mit seiner Oberfläche und seinen symbolischen Implikationen auseinandersetzt. Das Baumtagebuch ist für mich ein wichtiger Baustein dieses Erkennens und Dazulernens.