Über Archetypen, Bäume und andere Lebenssymbole

Ich freue mich immer ungemein über die Gelegenheit, wenigstens an den Sonntagsnachmittagen mich der Lektüre wirklicher spannender Texte zu widmen. Diesmal wieder und immer noch die der Beiträge C.G. Jungs zu den Archetypen und dem kollektiven Unbewussten. Unglaublich, mit welcher Dichte und Intensität dieser Forscher sich dem Themenfeld gewidmet hat, von Anfang des vorigen Jahrhunderts bis in die 1950er Jahre hinein. Gerade weil es um so universell gültige Inhalte geht, hat das natürlich nicht weniger Relevanz für uns heute wie für seine damaligen Zeitgenossen. Aus heutiger Sicht erscheint es nur immer irgendwie unwahrscheinlich, dass sich Wissenschaft überhaupt mit solchen Inhalten befassen konnte. Da erscheinen mir heutige wissenschaftliche Ansätze und die systemische Verfasstheit der Wissenschaft als Ganze wie ein riesiger Rückschritt und ungefähr das, was Rudolf Steiner vor über hundert Jahren für die Wissenschaft vorausgesagt hat, dass sie sich nämlich immer mehr in Richtung einer technischen Hilfestellung für praktische Zwecke bewegt und sich zunehmend entfernt von dem Bestreben, die Dinge aus primärem Erkenntnisinteresse zu durchdringen. Das Thema der Archetypen ist für mich vor allem deshalb eines, weil ich es durch meine Beschäftigung mit den Bäumen und ihrer Symbolik schon lange im Fokus meiner Aufmerksamkeit steht. Aber die Bäume sind nur ein Beispiel für immer schon vorhandene, quasi angeborene Lebenssymbole, die so tiefgreifende Bedeutung in unserem Leben entfalten.

Kunst, Wissenschaft und Religion als ursprüngliche Einheit

Gerade die Vortragsmitschriften, aber auch die veröffentlichten Schriften Rudolf Steiners aus seinen späten Jahren wirken auf mich besonders beeindruckend. Es merkt schon deutlich, dass sich eine enorme geisteswissenschaftliche Erfahrung und Durchdringung bei komplexen Themen erhellend auswirkt, weil vieles über Jahrzehnte Entwickelte darin einen Höhepunkt der Auflösung und Plausibilität erreicht. Obwohl es so dicht formuliert ist, wie diese Vorträge über Kunst bzw. die ursprüngliche und wieder zu erreichende Einheit von Wissenschaft, Kunst und Religion, scheint doch große Klarheit daraus hervor, so dass man sich gut vorstellen kann, die Gründungsmitglieder der anthroposophischen Gesellschaft in Norwegen, gegenüber denen er 1923 dieses Vorträge hielt, konnte schon etwas Wesentliches mitnehmen. Diese teils an bestimmten Kunstformen enggeführten und recht plastisch erläuterten Gedanken schöpfen aus der ganzen geisteswissenschaftlichen Erfahrung und Hellsicht und können uns wegen ihrer Zeitlosigkeit genauso noch heute wertvolle Orientierung in unserem Verständnis der Rolle von Kunst in der Gesellschaft liefern. Damit wird mir auch mein eigenes geradezu symbiotisches Verhältnis meiner wissenschaftlichen Erkenntnisinteressen mit der immer vorhandenen und auch praktizierten künstlerischen Aktivität verständlich. Denn es geht darin um dasselbe, was Rudolf Steiner eigentlich als eine Rückkehr mit Umwegen zu einer ursprünglichen Durchdringung dieser Bereiche ausführt. Dieses Gefühl des Ungenügens bei einer alleinigen Konzentration auf wissenschaftliches Denken, wird aus dieser Perspektive sehr klar begründet und für mich verstehbar. Und weitergedacht wird auch meine spezielle Aufmerksamkeit auf die künstlerische Arbeit mit Baumsymbolen in einen weiten und anregenden Denkkontext gestellt, der mich noch lange beschäftigen wird.

Bevorzugte Themenfelder und Baumlektüre

Die Lektüre geht mir in den nächsten Wochen so schnell nicht aus. Zu einigen Sammlungen aus Rudolf Steiners Schriften und Vortragsmitschriften kommt Unterhaltungslektüre, ein erster Band aus C. G. Jungs Gesamtwerk, das sich den Archetypen widmet und jetzt auch der vorletzte Bestseller von Peter Wohlleben, der sich der besonderen Verbindung zwischen Mensch und Natur widmet. Letzteres ist natürlich genau mein Hauptthema im Rahmen der Wunschbaum-Projekte. So bin ich sehr gespannt, wie der Erfolgsautor in Sachen Bäume und Natur das Thema angeht. Sicher ganz anders als ich es gewöhnt bin und bevorzuge. Aber letztlich werden darin auch Parallelen erkennbar sein. In jedem Fall ist so etwas thematisch Gleichlaufendes immer ein wichtiger Reflexionsgegenstand, der sich nur Positiv auf die eigene, ganz individuelle Themenbehandlung auswirken kann.

Geistige Trostlosigkeit

Die Anthroposophie Rudolf Steiners und die Aura seiner Lebenszeit beschäftigt mich auch nach Abschluss der Autobiografie-Lektüre sehr. Wenn ich mir das vor Augen führe, welches Niveau der Auflösung und des Weitblicks damals schon im Raum stand und sich in vielen Lebensbereichen hätte weiterentwickeln können, erscheinen mir die rund 100 Jahre seit seinem Tod wie ein enttäuschender Rückschritt. Denn heute sind welt- und geistfremd wirkende blinde Wissenschaftsgläubigkeit und reines Oberflächendenken derart dominant, dass man kaum glauben kann, die Erkenntnisfähigkeit war schon einmal sehr viel tiefer- und weitergehend. Eben so, dass so etwas wie geistiger Fortschritt, der bewusst reflektiert sich entwickelt, nach weiteren hundert Jahren eigentlich schon wieder ein Stück weiter fortgeschritten sein könnte. Nur davon kann ich kaum etwas erkennen. Es wirkt alles wie ein krampfhaftes Insistieren auf Denkarten und Wahrnehmungsformen, die längst überholt sind, auch im Bewusstsein der Menschen. Wenn in solchen Krisenzeiten wie dieser selbst künstlerische Beiträge, die eine Brücke bilden könnten, quasi auf Eis gelegt sind, tritt diese geistige Trostlosigkeit erst recht hervor. Einen Ausweg und ein mögliches Anknüpfen an frühere Entwicklungsstände sehe ich dann vom Ende der Krise abhängig. Aber auch jetzt schon kann die bei vielen bewusstere Naturbeobachtung dazu beitragen, und mit ihr auch die Beiträge, die ich im Zusammenhang mit diversen Wunschbaum-Projekten veröffentliche und als interaktive oder praktisch verwendbare Angebote in den Raum stelle.

Kontemplativer Feiertag mit Frühsommerimpressionen

Ein schöner Feiertag, der vielleicht nicht die oft so sonnenreiche Pfingstwitterung mitbrachte, aber doch die kontemplative Grundstimmung, die ich an Feiertagen generell schätze. Der Gottesdienst am gestrigen Abend hat uns den Sinn des Festes erneut in Erinnerung gerufen, der für uns ohnehin präsent ist und sicher nicht geringer eingeschätzt wird als der des Osterfestes. Gerade in der Krisenzeit finde ich Feiertage besonders wichtig. Wie immer ist es aber notwendig, dass man das Besondere des Feiertags bewusst wahrnimmt. Vielleicht wird diese Fähigkeit während der Krise befördert, ich würde es mir wünschen, gerade weil für mich sich Feiertage immer schon anders anfühlen und ich darin immer schon einen Gewinn erkannt habe. Selbst habe ich diese Stimmung heute genutzt, um die Lektüre von Rudolf Steiners Autobiografie abzuschließen, die gerade in den letzten Kapiteln sehr aufschlussreich für sein Werk und Wirken war. Allzu schade, dass sie unvollendet geblieben ist und gerade die letzten ca. 15 Jahre seines Lebens nicht mehr aus der eigenen Perspektive des Geistesforschers erschlossen werden können. Was sie aber enthält, hilft mir sehr, sein Werk besser zu verstehen und mich gezielt auch einzelnen Werkphasen eingehender zu widmen. Für M. habe ich zwei der schönsten Mohnblüten-Weisen-Impressionen im Format 30 x 45 cm ausgedruckt, was der neue Drucker möglich machte und in rahmenlose Bilderhalter gefasst. Für den dritten Rahmen habe ich die ältere Nahaufnahme der Spitzahornblüte ausgesucht, der im selben Format erscheint. Beides passt gut in die Jahreszeit, die Mohnblüten sind allerdings etwas vorgegriffen, kommen eigentlich in der Form erst im Juni/Juli, während die Spitzahornblüte schon fast vergangen ist. Aber die Jahreszeit wird mit den beiden Motiven ganz gut abgesteckt, vor allem das besondere Licht und die Farben des Frühsommers.

Biografische Prägung anthroposophischer Gedankenwelten

Die Lektüre von Rudolf Steiners Autobiografie „Mein Lebensgang“ ist durchaus ein Gewinn und hilft mir, das Werk in seinen verschiedenen Phasen und Dimensionen besser einordnen zu können. Ich war mir zuvor nicht sicher, ob es sinnvoll ist, diese Selbstbetrachtung vorzuziehen, bevor ich nicht das eigentliche Werk noch sorgfältiger in Augenschein genommen habe. Aber mit der Biografie im Hintergrund fällt die Orientierung schon sehr viel leichter bzw. ist auch der Stellenwert und die Reichweite bestimmter Gedankengänge besser einschätzbar. So freue ich mich darauf, in Folge gezielter weitere Werke und Themenschwerpunkte, die Steiner aufgreift, kennenzulernen und mein Verständnis dieser besonderen Gedankenwelten zu erweitern. Es sind so viele Themen, die in diesem extrem breit gefächerten Werk zur Geltung kommen. Aber ein Bereich ist mir natürlich besonders wertvoll, nämlich alles, was er zum Pflanzenwachstum, der Rolle der Pflanzen im kosmischen Zusammenhang überhaupt gesagt hat und in welcher Beziehung das zur geistigen Entwicklung des Menschen gebracht werden kann. Eine Facette dieser Rolle ist mir gerade wieder ins Bewusstsein getreten, da ich den Band unter anderen ganz vergessen hatte: Eine Sammlung von Rudolf Steiners Beiträgen zur Präsenz und Bedeutung der Bienen. Diese Texte sprechen natürlich die Bienen als Repräsentanten der Tierwelt an, nehmen aber wegen der speziellen Arbeit der Bienen auch Bezüge zum Lebenszyklus der Pflanzen auf. Das werde ich mir demnächst noch einmal vor dem Hintergrund der neuen Kenntnisse der Steinerschen Biografie genauer ansehen.

Grundlegendes zur geistigen Entwicklung des Menschen

Ich bin froh, bevorzugt um die Feiertage herum mich in die Schriften und Gedankengänge Rudolf Steiners weiter vertiefen zu können. Immer wieder beeindruckend für mich ist die ungeheure Vielschichtigkeit der Ausführungen und die Dichte der Betrachtungen, in denen immer große Bögen gespannt werden, die alles in einem helleren Licht erscheinen lassen. Die Feiertage und ihre Mysterien sind mein thematischer Einstieg in die Gedankenwelt Steiners immer schon gewesen. Damals das Weihnachtsfest, aktuell das Osterfest und auch andere Jahreskreisfeste spielen immer wieder in den Werken und Vortragsmitschriften eine wichtige Rolle. An diesem Themenkreis sind aber auch alle grundlegenden anthroposophischen Erkenntnisse ables- und verstehbar. Bei der aktuellen Lektüre geht es mir so, dass mir eine Reihe dieser grundlegenden Wahrheiten, die geistige Entwicklung des Menschen betreffend und die Mehrgliedrigkeit des Menschen als geistiges Wesen, aus den Osterbetrachtungen erstmals deutlicher verständlich geworden sind. Auch wenn das, seit ich Rudolf Steiners Werk kenne, ständig auch ein Thema war, ist es mir jetzt gerade wirklich als Grundlagenerkenntnis klar geworden. Das ist mir Anlass, in diesen Grundlagenbereichen weiter zu lesen und damit umgekehrt wieder die spezielleren Anwendungen der Betrachtungsweise auf Erlebnisbereiche wie Kunst und Religion noch besser für mich aus anthroposophischer Sicht zu erschließen. Schön, dass die eigentlichen Feiertage noch bevorstehen.

Weihnachten, christliche Botschaften und ihre Vorläufer

Es ist ein Luxus, den ich mir an Weihnachten aber gerne gönne, wenn ich tatsächlich in Ruhe meine Text-Favoriten aus dem Werk Rudolf Steiners lesen kann. Die Texte zum Themenfeld Weihnachten gehören an diesen Tagen zu meinem Programm, und es ist immer wieder spannend zu sehen, wie die Auslegung und die Aufmerksamkeit auf Teilaspekte der Gedankenlinien immer wieder anders ausfallen, auf diese Weise eine Entwicklung darstellen und umgekehrt von der Qualität und Essenziellen in diesen Textäußerungen zeugen. Einer der heute wieder gelesenen Vortragsmitschriften geht auf einen Vortrag zurück, der am zweiten Weihnachtsfeiertag des Jahres 1914 in der Schweiz gehalten wurde und erkennbar auch unter dem Einfluss der Katastrophe des 1. Weltkriegs stand. Umso erstaunlicher stellt es sich für mich auch bei anderen Vorträgen Steiners dar, die während des Kriegs oder kurz danach gehalten wurden, wie ungeheuer dicht und tiefgehend diese Darstellungen ausfielen, denen in Nicht-Kriegszeiten in Nichts nachstehend. Eine ungeheure Leistung, in diesen Situationen den richtigen Ton zu treffen und die Relevanz des Gesagten auch unter schweren Bedingungen plausibel zu machen. Natürlich ist es auch von Seiten der Zuhörerschaft erstaunlich, deren Alltag in diesen Jahren ebenfalls extrem belastet war. In diesen heute gelesenen Texten spannt Rudolf Steiner den Bogen weiter als bei den eher gegenwartsbezogenen Vorträgen der Vorjahre, die sich u. a. um das Symbol des Weihnachtsbaums drehten. In diesen Beiträgen spricht er auch die dem Christentum vorangehenden und teilweise mit seinem Beginn parallel laufende geistige Lehren wie den Mithras-Kult, den Manichäismus und die Gnosis an, in denen er bemerkenswerte Parallelen zum geistigen Inhalt der christlichen Botschaft erkennbar macht. Etwas, das sehr helfen kann, die eigentlichen geistigen Hintergründe des Christentums und seine herausragenden Merkmale viel besser zu verstehen.

Die biografische Dimension des Weihnachtsfestes bewusst machen

Das ewige Krisenthema einmal beiseite zu schieben, ist uns auch an diesem ersten Feiertag ganz gut gelungen. Ich glaube, es ist einfach auch notwendig, eine Unterbrechung des immer gleichen Nachrichtenflusses und seiner Wirkungen auf die Kommunikation, das Gemüt und die Motivation in den verschiedensten Lebensbereichen. Wir knüpfen an unser frühes Verständnis der Weihnacht und ihrer Feier an und erleben die Tage vielleicht erstmals seit langer Zeit wieder ein Stück mehr wie in Kindertagen. Wenn man das Bedürfnis vielleicht nicht mehr hatte, konnte es unter diesen Bedingungen und nach diesem Verlauf des Jahres jetzt wieder neu entstehen, musste vielleicht auch entstehen. Denn Zuversicht und Mut im Hinblick auf eine Rückkehr ins normale Leben kann uns kaum wahrscheinlicher in die Seele treten als aus Anlass der Weihnachtstage, die im Sinnbild der Christusgeburt für uns alle einen Neuanfang im Geistigen bedeuten können. Und die Chance, unsere Aufmerksamkeit auf diese Chance zu fokussieren, ist niemals größer als an den Weihnachtstagen und den zwölf Tagen bis zum Dreikönigsfest. In dieser Zeit zwischen den Jahren können wir den Verlauf des nächsten Jahres symbolisch vorwegnehmen. Es ist mir über Weihnachten ein Bedürfnis, diese Zusammenhänge immer wieder zu durchdenken und im Einklang mit aktuellen Erfahrungen und Denkweisen zu bringen. Deshalb habe ich erneut mit der Lektüre von Rudolf Steiners Vortragsmitschriften zu Themen rund um das Weihnachtsfest begonnen, die ich ganz gerne chronologisch lese. In jedem Jahr wecken andere, bis dahin noch nicht so bewusst aufgenommene Passagen meine besondere Aufmerksamkeit. Das ist anregend und zeigt einmal mehr, wie vielschichtig und wesentlich diese Gedankenlinien Rudolf Steiners waren. Sie erscheinen mir auch heute noch, über hundert Jahre nach ihrer Entstehung, außerordentlich aktuell. Es scheint, dass sich unser Bezug zur Symbolik und Geistigkeit der Feiertage seitdem nicht grundlegend gewandelt hat und der große Anthroposoph seiner Zeit sehr weit voraus war.

Mit der inneren Quelle in Kontakt treten

Nach den immer wieder arbeitsreichen Samstagen ist mir der Sonntagnachmittag heilig, wenn es darum geht, meine Lektüre fortzusetzen oder wieder aufzugreifen. Gerade in dieser Jahreszeit, wenn die Tage spürbar kürzer sind und die seltener gewordenen Lichtphasen von früher Dämmerung abgelöst werden, insbesondere nach Allerheiligen und vor Beginn der Adventszeit, ist mir die Lektüre von Rudolf Steiners Schriften oder Vortragsmitschriften ein Bedürfnis. Es scheint auch so, dass sie in dieser Zeit besonders verständlich sind, im geisteswissenschaftlichen Sinne, dass sie das eigene Leben in ganz praktischer Form mitprägen, weil die Erkenntnisse und Einsichten im Geiste lebendig werden und gewissermaßen weiterwachsen. Und solche geistigen Fortschritte und inneren Wachstumsvorgänge benötigen wir in dieser Krisenzeit zunehmend. Mit ihnen können wir am ehesten die Verknüpfung zur innersten Quelle wiederaufnehmen oder verstärken, aus der wir Kraft schöpfen und Hoffnung entwickeln können, die von außen derzeit wie abgeschnitten scheint. Vielmehr gibt es viel, was uns Energie entzieht, die ohne Weiteres nicht aus der Kommunikation nachgetankt werden kann. Ich wünsche allen, dass es ihnen gelingt, die eigene innere Quelle zu kontaktieren und auf welchen konkreten Wegen auch immer, z. B. auch in der Beschäftigung mit der Energie und Lebenssymbolik der Bäume, diese Kräfte zehrende Zeit unbeschadet und wenn möglich gestärkt zu überstehen.

Sommerliche Energie von außen

Für einen Einundzwanzigsten war dieser Tag vielleicht etwas unspektakulär, aber immerhin wieder produktiv und mit einer nicht mehr erwarteten Information am späteren Nachmittag, die meine Projektarbeit in Bewegung hält. Dass ich inhaltlich und technisch an verschiedenen Fronten gut vorankomme, passt zur Atmosphäre des Hochsommers und der Energie, die uns von außen, Rudolf Steiner würde sagen aus dem Weltall, auf uns einströmt und die wir nutzen, die wir nicht aus uns heraus erzeugen müssen. Diese Sichtweise, dass sich in den Sommermonaten alles ausdehnt in Richtung des Alls, für uns Menschen, bei den Tieren und ganz besonders bei den Pflanzen, fand ich faszinierend bei Steiner wiederholt zu lesen. Am Beispiel der Bäume aber ist so offensichtlich und anschaulich, dass man es genauer betrachtet nicht ignorieren kann. Es ist vielmehr eine sehr plastische Anschauung unseres Lebens mit den Jahreszeiten und eine gute Erklärung für die biologischen Rhythmen, von denen wir so abhängig sind, dass selbst unsere Stimmungen davon stark beeinflusst sind.

Die natürlichen Kreisläufe miterleben lernen

Einfach schön und erholsam, so ein zweiter Feiertag. Ich muss an Ostern, Pfingsten und Weihnachten immer daran denken und weiß das wirklich zu schätzen, dass wir in Deutschland bei den kirchlichen Hochfesten immer diese zwei Feiertage hintereinander haben. Ein großes Privileg, das die Chance eröffnet, die Tage ihrer Bedeutung entsprechend wahrzunehmen und nicht einfach nur als freie Tage. Pfingsten ist für mich immer ein Feiertag, bei dem sich christlicher Sinn mit unserem jahreszeitlichen (Er-)Leben verbindet. Es geht um Aufbruch, geistige Inspiration, Gemeinschaftsgefühl und allgemein eine nach außen gerichtete Geisteshaltung und Kommunikation. Die wird gerade wegen der Corona-Beschränkungen sehr behindert, ist als Möglichkeit und Bedürfnis aber im Hintergrund angelegt und kann sich auch in Grenzen verwirklichen. Wie passend dazu habe ich heute mit der Lektüre des letzten Bands mit Mitschriften von Vorträgen Rudolf Steiners, den ich mir zu Weihnachten gewünscht hatte, begonnen. Im ersten der vier Vorträge aus dem Jahre 1923 geht es genau um diesen Zusammenhang, das bewusste Miterleben der jahreszeitlichen Veränderungen, wie ich sich im Wachsen, Gedeihen, all dem Blühen, Knospen, Fruchten und Treiben der Bäume und übrigen Pflanzen zum Ausdruck bringt. Das bewusst im Jahresverlauf in mir aufzunehmen und es ein Stück weit mitzuverfolgen, ist eigentlich auch einer der Motive und Gegenstände des Baumtagebuchs. Es ist mir einfach ein Bedürfnis, dieses täglich in eine spontane sprachliche Form zu gießen, auch um über die Jahre für mich selbst zu einem zunehmend komplexeren Verstehen zu gelangen.

Ein ausgewogener Osterfeiertag

Nach dem anstrengenden Gartenarbeitstag durften wir heute einen echten Feiertag genießen, der tatsächlich mit einem gut ausgewogenen Verhältnis von Ruhe und Kommunikation ausgefüllt war. Inklusive natürlich der feiertäglichen kulinarischen Besonderheiten, die bei uns durchaus dezent ausfallen, aber doch bewusst und wie ein Highlight wahrgenommen werden. Schön war es auch, zum ersten Mal in dieser Freiluftsaison im Garten sitzen und die milde Wärme aufnehmen zu können. Schön, um sich herum zu sehen, dass das mit dem Bestellen des Gartens schon ganz gut vorangeschritten ist und auf einem guten Weg. Die Lektüre der Mitschriften verschiedener Vorträge, die Rudolf Steiner im Jahre 1907 in München und Berlin zu österlichen Themen gehalten hat, waren für mich am Karfreitag und am heutigen ersten Osterfeiertag persönliche Highlights, die mich der Denkart Steiners und meinem eigenen Verständnis der österlichen Sinnhaftigkeit noch ein Stück näher gebracht hat.

Zeitlose Ästhetik

Diese Textüberlieferungen von Rudolf Steiner über seine ästhetischen Anschauungen und die Rolle der Kunst zu seiner Zeit und im Allgemeinen sind schon sehr interessant. Wie bei allen Themen, die er aufgreift und auf unnachahmlicher Manier rekonstruiert, geht es darin um ganz Grundsätzliches, das weit über die rein wissenschaftliche Betrachtung hinausgeht. Vor allem beeindruckt, mich, dass er dabei zu Schlüssen und Grundanschauungen gelangt, die sehr in Richtung dessen gehen, was ich im Rahmen meiner Magisterarbeit zur ästhetischen Kommunikation selbst herausarbeiten konnte. Es wäre damals passend und bereichernd gewesen, hätte dem noch eine weitere Facette hinzugestellt, wenn ich auf Steiners Texte zu dieser Zeit aufmerksam geworden wäre. Ohne nämlich explizit kommunikationswissenschaftlich zu denken, sind die wesentlichen Überlegungen doch mit kommunikationswissenschaftlichen Ansätzen kompatibel, u. a. mit Susanne Langers „Philosophy in a new key“, die ich nach wie vor für eine halte, die das Thema sehr zeitlos und der eigenen Erfahrung mit Kunst entsprechend zu erklären vermag. Steiner hat in dieser Weise ähnliches für die Ästhetik geleistet, auch wenn sich seine Überlegungen über einen längeren Zeitraum und auf verschiedenen Publikationsschienen punktuell verteilt haben und er nie dazu gekommen war, es in einem zusammenhängenden umfangreicheren Werk zu konzentrieren. Wie so oft war ich seinerzeit über ein Baumthema auf Rudolf Steiners Denken aufmerksam geworden, nämlich über die überlieferte Mitschrift einer der vielen Vorträge, die Rudolf Steiner über das Weihnachtsfest und seine faszinierenden Facetten, hier am Beispiel der Rezeption des Weihnachtsbaums, gehalten hatte.

Rudolf Steiners ästhetischer Ansatz

Ich bin sehr froh, mir zu Weihnachten die drei neuen Bände aus der Rudolf Steiner Gesamtausgabe gewünscht zu haben. Mit dem zweiten dieser Bände, einer Zusammenstellung der Aufsätze, Vorträge und Notizen Rudolf Steiners zu Fragen der Ästhetik, konnte ich mich letzte Woche und heute wieder beschäftigen. Und schon die ersten dieser Texte offenbaren ein sehr spannendes Thema, das Grundfragen und auch konkretere Anwendungen einer Philosophie des Schönen umfasst. Auch auf dem Gebiet war Rudolf Steiner seiner Zeit voraus und hat mit der bis dahin gültigen Ästhetik in Deutschland abgerechnet, ihr seine abweichende Sichtweise entgegengesetzt, der ich absolut zustimmen würde. Das sind Gedanken und Grundideen, die ich sehr gut in meine Magisterarbeit über ästhetische Kommunikation hätte einarbeiten können, die eine Bereicherung dieses Theorienvergleichs gewesen wären. Aber damals war mir das Werk Rudolf Steiner noch nicht vertraut, und es ist natürlich auch fraglich, ob seine Ansätze zur damaligen Zeit in meinem Fach als wissenschaftlich akzeptiert worden wären. Die bisher gelesenen Texte stammen allerdings aus dem Frühwerk Steiners, das noch stärker als später von seinen philosophischen Anschauungen geprägt waren. Ich denke schon, dass es gepasst hätte. Die grundlegende Idee, die er vertritt, würde ich auch im zeitlichen Abstand und nach allem, was ich selbst wissenschaftlich über ästhetische Kommunikation erarbeiten konnte, absolute unterstreichen. Dass es nämlich in der Kunst nicht darum geht, dass ein geistiger Inhalt (das Göttliche) mit Mitteln der Kunst darstellbar gemacht wird, also nicht darum, dass das Göttliche im Kunstwerk zum Ausdruck kommt. Das erlebten Realität des Künstlerischen entspricht es viel mehr, dass Künstler das Natürliche als Geistiges (Göttliches) umformen, dass durch das Wie der Umformung des Natürlichen das Geistige sinnlich erlebbar wird. Eine ganz andere Beziehung zwischen Inhalt und Form, die auch für aktuelle Kunst sicherlich anwendbar und zutreffend ist. Diese Lektüre aus dem Frühwerk Steiners, gerade zu ästhetischen Fragen, empfand ich heute als Freude und Bereicherung. Ebenso freue ich mich auf die späteren Beiträge zur Kunst und auf den dritten Band, der sich wieder einmal um das Erleben der Jahreszeiten und die große Rolle dreht, die die Pflanzen darin für die Weiterentwicklung von Mensch und Kosmos spielen.

Geisteswissenschaftliche Grundlagen einer Ästhetik

Ein Sonntag, der nach dem vormittäglichen Gedenken an B. eine Ruhe bescherte, die nach so vielen arbeitsintensiven lange Werktagen einfach willkommen und notwendig war. Ich freue mich, mit der Lektüre der Aufsatz- und Vortragssammlung Rudolf Steiners begonnen zu haben, die sich auf dessen Ausführungen zur Grundlegung einer Ästhetik konzentrieren. Ein Gebiet seines Schaffens, das für ihn zeitlebens eine große Bedeutung hatte, das aber letztlich nicht in ein geschlossenes Werk zu diesem Wissenschaftsgebiet eingeflossen ist. Die über einen größeren Zeitraum verstreuten Beiträge sind aber für mich wertvolle Ansätze, die mein wissenschaftliches Abschlussthema, die Grundlegung ästhetischer Kommunikation, um einige Facetten bereichert. Wenn ich diese Arbeit noch einmal zu bearbeiten hätte, würden Steiners Text möglicherweise einfließen, durchaus auch mit kommunikationswissenschaftlichen Ansätzen in Übereinstimmung zu bringen. Denn in den ersten Abschnitten, die ich bisher gelesen habe, wird schon deutlich, dass es um dieselben ästhetischen Grundfrage des Zusammenhangs zwischen dem formellen physischen Werk und einem geistigen Inhalt mit Allgemeinheitswert und Notwendigkeitsanspruch geht, der alle Fragen des künstlerischen Prozesses dominiert. Ein anderer Band aus Steiners Gesamtwerk, das sich auf den Lauf der Jahreszeiten bezieht, auch eines meiner Lieblingsthemen, habe ich zunächst hintenangestellt. Ich denke, diese Themen werden im Frühjahr, generell mit dem neuen Grünen und Blühen der Bäume wieder interessanter und auch gut nachvollziehbar.

Rudolf Steiners erstaunlich moderne Kommunikationsarbeit

Die Zusammenstellung der Vortragsmitschriften Rudolf Steiners, wie sie in den Bänden der Gesamtausgabe zusammengefasst wurden, geben schon einen sehr viel tieferen Einblick in die Art und die Bedingungen, wie Steiner damals seine Vorträge an verschiedenen Orten und vor unterschiedlichem Publikum gehalten hat. Einfach, weil es meist in zeitlichem Zusammenhang gehaltene Vorträge sind, die während weniger Wochen, oft mehrere Vortragsteile an mehreren Tagen hintereinander am selben Ort, eine Facette der umfangreichen anthroposophische Gedankenwelt zum Ausdruck brachten. Und in diesen zusammenhängenden Vortragsreihe vor dem jeweils gleichen Publikum werden auch einige der Fragen beantwortet, durch Steiner selbst, die man sich als Leser ständig stellt: Wie war es möglich, dass ein großer Geistesforscher in diesen Zeiten, während der Wirren des ersten Weltkriegs, solche ungeheuren Gedanken entwickeln und öffentlich machen konnte, die an Dichte, Intensität, Tiefgang und Vielfalt nicht mehr zu übertreffen sind. Das ist erstaunlich und bewundernswert zugleich, wenn man sich die Zeitumstände vorstellt. Und doch wirken die ganzen Umstände fast modern, doch könnte man sich Ähnliches auch in unseren Zeiten, vielleicht nur in einem anderen Medium, vorstellen. Deutlich wird daraus immer wieder auch, wie sehr die Bewegung damals Anfeindungen und Unverständnis entgegengebracht wurde. Und wie schwierig es für die Anhänger und v. a. Steiner selbst gewesen sein muss, dass so konstant und konsequent weiterzuentwickeln. Eine für mich immer wieder interessante Lektüre, vor allem wegen der Inhalte, aber auch wegen der Erkenntnisse über die Kommunikation von Wissensinhalten und Anschauungen, aus denen man auch heute noch Wesentliches lernen kann. Ein Punkt ist sicherlich, die Bescheidenheit und Demut aufrechtzuerhalten, die allzu leicht gefährdet ist, wenn man sich der Reflexion und praktischen Arbeit mit Geistigem widmet. Ich hoffe, das für meine aktuelle Arbeit, auch im Bereich der Wunschbaum-Projekte, jederzeit im Bewusstsein zu behalten und ebenso umsetzen zu können.

Jahreswechsel, Pflanzenbewusstsein und Weltenneujahr

Im dem Jahreswechsel konnte ich noch nie etwas wirklich Bedeutungsvolles erkennen. Ganz anders als in den christlichen Feiertagen, die mit so viel Sinn angereichert sind, die geradezu von diesem Sinn leben, dass einige Anstrengungen notwendig sind, um diesen Sinn immer wieder zu aktualisieren, für das eigene Leben und das der Gemeinschaft mit Leben zu füllen. Der bloße kalendarische Jahreswechsel, was könnte der uns bedeuten? In einer der Neujahresbetrachtungen Rudolf Steiners von Anfang Januar 1916 gibt er darauf eine wie so oft bei ihm verblüffende Antwort. Er vergleicht darin nämlich den im 12-Monats-Zyklus stattfindenden Wechsel der Jahre und das, was gerade im tiefsten Winter passiert, in dem die Pflanzen sich scheinbar ganz von der Erdoberfläche zurückgezogen und sich in sich hinein verzogen haben mit einem viel längeren Zyklus, den die Menschenseele alle 12000 Jahre vollzieht, wenn sie durch das astralische Bewusstsein des Leibes zog. In dieser Phase, zu jedem Jahreswechsel nach 12 Monaten wie auch alle 12000 Jahre vollzieht sich danach eine Vereinigung, eine Durchdringung verschiedener Zyklen, die in dieser Durchdringung voneinander lernen, sich gegenseitig anreichern, um dann wieder je eigene Wege zu gehen. Beim 12 Monatszyklus geht es um die Durchdringung der Pflanzenseele mit dem mineralischen Bewusstsein der Erde, die gerade zum Jahreswechsel bei größter Dunkelheit zum Tragen kommt. Es ist nach Steiner das die Zeit, in der die Pflanze Verbindung mit den Sternen, den weiten des Kosmos aufnehmen kann, ihr Bewusstsein quasi ausweitet. In anderen Zusammenhängen redet er von der Sommerszeit als der Zeit, in der die Pflanzen ihr Bewusstsein in Richtung des Kosmos ausdehnen. Ein wirkliche Zufluss aber kommt gerade am gegenseitigen jahreszeitlichen Pol statt. Und analog hat lauf Rudolf Steiner die Menschenseele, ihrem damaligen Entwickelungsstand entsprechend eine Durchdringung der Seelen mit dem astralischen Bewusstsein der Erde, die eine enorme Ausweitung der Wahrnehmungs- und Erfahrungsmöglichkeiten bedeutete, zuletzt ca. 6000 Jahre vor unserer Zeitrechnung. Das bedeutet dann auch, dass die nächste Berührung, das nächste „Weltenneujahr“ in etwa 4000 Jahren zu erwarten ist. Im weiteren Verlauf des Vortrags nimmt Steiner auch Bezug zur anthroposophischen Bewegung und den Möglichkeiten, die bis dahin geisteswissenschaftlich erreichten Erkenntnisgewinne zu nutzen, auch zum Wohle anderer. Aber natürlich stimmt es auch ernüchternd, wenn eine wirklich flächendeckende, nicht nur hellsichtig Begabten mögliche, Bewusstseinserweiterung erst in 4000 Jahren wieder erreicht sein wird. Wie weit, denke ich mir da, sind wir von wirklichem geistigen Fortschritt dann noch entfernt, wie wenig können wir eigentlich heute schon verstehen? Vielleicht ist das intuitive Wissen um die gegenwärtige Situation der Grund für meine Zurückhaltung, den Jahreswechsel als bedeutsames Ereignis zu betrachten. Vielleicht fühle ich mich nicht wirklich bewusst daran erinnert, eine wie kleiner Fortschritt zu meinen Lebzeiten auf diesem Gebiet überhaupt nur möglich ist. Ich will mich bemühen, trotzdem zuversichtlich und angesichts so kleiner, kaum messbaren Fortschritte weiterhin mutig zu bleiben.

Der Weihnachtsbaum und die Geisteserkenntnis

Es war genau an diesem Tag, dem 28. Dezember, allerdings vor 104 Jahren, als Rudolf Steiner vor Mitgliedern der anthroposophischen Gesellschaft in Basel einen Vortrag hielt, der die Symbolik des Weihnachtsbaums in den Zusammenhang mit dem biblischen Baum der Erkenntnis stellte und die emotionale Anteilnahme beim Anblick des Weihnachtsbaums auf eine schon Kindern mögliche Annäherung an das Christus-Bewusstsein zurückführt. Nach den verschiedenen Vorträgen, die ich von Steiner bezüglich dieses Themenfeldes bereits kenne und fast jährlich wiederum lese, erscheint mir dieser als eine Betrachtung, die dem Empfinden der meisten Menschen am nahesten kommt. Diese Erklärung der unmittelbaren Faszination des leuchtenden Baums ist sehr schlüssig, der in der dunkelsten Zeit des Jahres, in den Tagen der größten Kälte und Lichtarmut, von einer geistigen Urquelle zeugt, die gerade in dieser Zeit zum Ausdruck kommt und uns die außen fehlende Wärme als geistige Wärme zurückgibt und bewusst macht. Es ist einer der Zeitpunkte oder -phasen, in denen uns dieses Geistbewusstsein ohne größere Anstrengung zuteilwerden kann, in denen die gewonnenen Erkenntnisse, man könnte auch sagen Erinnerungen, mit Impulsen ausstatten, die das ganze folgende Jahr aufbauende und heilende Wirkung haben können. So will ich mit allen um mich herum die Zeit zwischen den Jahren in diesem Sinne als große Chance verstehen.

Weihnachten und die geistige Entwicklung der Menschheit

Es ist ein Gewinn, dass wir in Deutschland einen zweiten Weihnachtsfeiertag haben. Ich empfinde das als Bereicherung und freue mich, das Feierliche der Weihnacht nicht auf zwei Tage konzentrieren zu müssen. Und auch die Raunächte und die Tage dazwischen gehören für mich dazu, wie schon die Adventszeit zuvor. Der zweite Tag war wie ein Duplikat des ersten Feiertags, ebenso ruhig und unaufgeregt verlaufen und wie gemacht, Feiertagsessen, Ausruhen und die Lektüre meiner neuen Bände mit Vortragsmitschriften und Textentwürfen von Rudolf Steiner zu verbinden. In den ersten Texten, mit denen ich in die Lektüre eingestiegen bin, geht es um die Entwicklung des Christusimpulses und die Rolle der Weihnachtsgeschichte, überhaupt der Idee einer Christgeburt, für die geistige Entwicklung der Menschheit. Große Themen, denen sich Steiner in einem Vortagszyklus in Berlin und verschiedenen Schweizer Städten in der Weihnachtszeit 1915 / 1916 gewidmet hat, dem zweiten Winter während des ersten Weltkriegs. Unglaublich, wie jemand in diesen bewegten Zeiten so tiefgehende Gedanken entwickeln, ausformulieren und vortragen konnte. Wieder ein Beweis, dass es ungewöhnliche, herausragende Persönlichkeiten gibt, die der Welt wirklich etwas Bleibendes mitzugeben hatten bzw. haben. Der nächste Text, den ich mir morgen ansehe, wird wiederum eine Weihnachtsthema aufgreifen und diesmal auch den Weihnachtsbaum erneut in den Mittelpunkt des Interesses stellen, wie dies ja auch in verschiedenen Weihnachtsvorträgen Steiners in anderen Jahren und vor anderem Publikum geschehen ist.

Traditionelle Eindrücke und individuelle Formen

Es war ein zweiter Weihnachtsfeiertag, wie ich ihn mir wünsche. Ruhig und kontemplativ, und mit der dazu passenden Lektüre von Rudolf Steiners Texten zum Thema Weihnachten. Das hat schon Tradition über die Feiertage. In den nächsten Tagen werde ich die übrigen Vortragsmitschriften erneut lesen und sicher, wie eigentlich immer, wieder neue Aspekte und Perspektiven in den vielschichtigen Betrachtungen entdecken. Eine schöne Möglichkeit, weihnachtlichen Sinn zu reflektieren und sich das Fest bewusst zu machen. Die Atmosphäre in diesen Tagen genieße ich ganz besonders. Und deshalb habe ich auch, um die diesjährige Impression meines Lieblingsmotivs am Feiertag selbst nicht zu versäumen, neue Aufnahmen gemacht, selbst überrascht, dass das Motiv allein wegen des individuellen Baums, seines immer wieder anderen Schmucks und der veränderlichen Lichtstimmungen in jedem Jahr wieder besonders wirkt. Etwas, das mich noch länger in der Zeit der Raunächte beschäftigen wird.

Impression der weihnachtlich geschmückten Wohnstube 2018

Die sich entwickelnde Jahreszeit beobachten

Nun hat uns der zweite Feiertag, für den ich wie auch an Ostern und Weihnachten sehr dankbar bin, doch noch das passende Pfingstwetter beschert. Auf dem Rückweg von der Pfingstmesse sind wir in der Sonne gegangen, an frühsommerlich blühenden Pflanzen und üppig belaubten Kirschbäumen entlang. Dazu diese wärmenden Sonnenstrahlen und viel Helligkeit. Das sind, auch in der Landschaft, eigentlich die schönsten Wochen des Vegetationszyklus, da alles, was pflanzlich wächst, zu seiner Entfaltung drängt, Form gewinnt und seine Farben intensiviert, gleichzeitig eine Vielfalt von Ausdrucksformen umsetzt. Je nach Rhythmus in Form von Blättern, Asttrieben, Blüten oder gar schon Früchten. Irgendwie ist diese Aufwärtsbewegung, das Streben in Richtung Höhepunkt, spannender als die Rückwärtsbewegung. Das eine ist eben Ausdehnung, das andere Rückzug. Nach langen Winter- und durchwachsenen Frühlingsmonaten tut diese Öffnung nach außen, wie Rudolf Steiner gesagt hätte, in den Kosmos hinein, einfach gut. Und die umgekehrte Richtung der Innenschau kann in dieser Zeit ein wenig in den Hintergrund treten. Das wirkt auf mich wie eine Art Auftanken, wie wenn man einen Lichtvorrat auffängt und in sich speichert, der dann in Herbst und Winter kompensatorisch abgerufen werden kann. Wir haben vieles noch nicht verstanden und uns so richtig bewusst gemacht an diesem wunderbaren Wechsel und der internen Entwicklung der Jahreszeiten.

Den gemeinsamen Ursprung aller Lebensformen anklingen lassen

Es war nicht das typischste Pfingstwetter, und auch sonst wirkte dieser Pfingstsonntag weniger feiertäglich als sonst auf mich. Er war aber dennoch durch eine ausgeprägtere Ruhe als andere Sonntage gekennzeichnet. Wie so häufig hat mich die nachmittägliche Lektüre zu Vortragsmitschriften Rudolf Steiners geführt, die ein Themenfeld behandeln, das mich gerade wieder stärker beschäftigt. Nicht der Feiertag selbst oder die symbolischen Implikationen der Rituale und Traditionen des Jahreskreises waren es diesmal, sondern das Wirken der Naturgeister beim Werden und Vergehen der Pflanzen. Natürlich hängt das wesentlich mit den kulturellen Formen zusammen, die im Umfeld des Frühlings entstehen konnten. Aber es geht noch weiter und ist Grundlegender. Wenn ich diese Gedanken Steiners nachvollziehe und mit der heutigen Zeit und meiner eigenen kreativen Geschichte verbinde, stelle ich fest, wie früh ich doch von diesen Fragen fasziniert war und wie stark sie mich immer wieder zu kreativen Projekten inspiriert haben. Denn was er dort mit Verweis auf geistige Wirkungen im Spannungsfeld von Erde und Kosmos beschreibt, entspricht ganz genau dem, was ich in meinen früheren bildhauerischen Arbeiten umsetzen wollte: Grundprinzipien des Lebens am Beispiel des Wachstums und der Vitalität der Pflanzen plastisch begreifbar zu machen. Da es meist Holzskulpturen waren, lag nicht nur für mich selbst die Verbindung zu den Bäumen als prominente Vertreter des Pflanzenreichs nahe. Was aber diese plastischen Formen aus der materiellen Substanz der Bäume ausdrücken, kann in grundsätzlicher Form über alle Pflanzen gesagt werden. Ich meine, darin wird etwas ganz Fundamentales in Bezug auf das Leben angesprochen. Etwas, das die Lebendigkeit in uns als Menschen selbst zum Thema macht und dadurch irgendwie auch den gemeinsamen Ursprung aller Lebensformen erinnern lässt.

Menschen und Pflanzen – eine Entwicklungspartnerschaft

Sehr froh bin ich, während dieser Feiertage genügend Zeit und Ruhe für die Lektüre der Beiträge Rudolf Steiners zu den Jahreskreisfesten gefunden zu haben. Da u. a. auch Ostern thematisiert wird, war das zudem zeitlich sehr passend und besonders eindrücklich, am deutlichsten dabei der Vortrag zum Thema Ostern, der ebenfalls am Ostersonntag, 1. April, nur eben 95 Jahre zuvor in Dornach, Schweiz, von Steiner vor Mitglieder der anthroposophischen Gesellschaft gehalten wurde. Die zuletzt gelesenen Texte von 1923 gehören in den Bereich des Spätwerks, wenn man so will, bzw. der ausgereiften und sehr ausgefeilten und von Erfahrung gesättigten Lehren Steiners. Darin deutlich spürbar ist ein gewisser pädagogischer Ton, der Anspruch, Spuren zu hinterlassen, alltagstaugliche Anleitungen zur praktischen Weiterentwicklung der anthroposophischen Weltanschauung und Lebensweise zu geben. Ich finde das besonders anrührend, weil ein echtes Interesse, an wirkliches Überzeugtsein von der eigenen Lehre darin zum Vorschein kommt. Mit Themen, die auch zu seiner Zeit nicht sehr populär gewesen sein dürften. Und derart detailreich und thematisch weitgreifend, riesige Bögen spannend, ungeahnte Zusammenhänge aufdeckend, dass es einen mit Ehrfurcht und Bewunderung erfüllen muss. Er muss zwei Jahre vor seinem Tod bereits geahnt haben, dass es mit der Weiterführung seiner Lehre zumindest schwierig werden würde. Dass möglicherweise nicht so viel von seinen Erkenntnissen in die Lebenspraxis seiner Zuhörer und Gefolgsleute bis dahin eingeflossen war. Umso dringlicher die Appelle, Anthroposophie praktisch zu verstehen und eine tatsächliche geistige Entwicklung, einen Fortschritt durch disziplinierte Anstrengung auf anthroposophischem Gebiet anzustreben. Vieles davon erscheint mir 100 Jahre später nicht weniger wichtig und aktuell wie damals. Selbst die Sprache Steiners in diesen letzten Lebensjahren war merkwürdig modern und von heutiger kaum noch zu unterscheiden. Wenn dann gerade in diesen zuletzt gelesenen Vortragsmitschriften u. a. von einer Art Lebens- und Entwicklungspartnerschaft zwischen Menschen und Pflanzen ihrer Lebenswelt zu Rede ist, sehe ich mich einmal mehr in der Beschäftigung mit diesem historischen Gedankengut bestätigt. Dass die eigenen geistigen Entwicklungsbemühungen auch Auswirkungen auf die Pflanzen hat, denen menschliche Aufmerksamkeit und Beobachtung zuteil werden, das ist mir intuitiv aus meinen Wunschbaum-Projekten seit vielen Jahren vertraut. Eine geisteswissenschaftliche Hintermauerung zu studieren kann helfen, die eigenen Betrachtungsweisen, Erkenntniswege und Entwicklungen zu bestärken und ein Stück weit zu kontrollieren.

Ostern, Jahreskreis und geistige Verortung

Bis auf das Wetter, das so gar nicht passte, durften wir einen schönen Osterfeiertag verbringen. Schön für mich, weil er die Ruhe und Feierlichkeit mit sich brachte, die ich traditionell mit christlichen Feiertagen verbinde. Die fühlen sich für mich grundsätzlich anders an als normale Tage und auch wie nicht feiertägliche Sonntage. Wenn ich Rudolf Steiners zahlreiche Vorträge zu eben diesem Zusammenhang nachlese, nämlich zur Bedeutung von Fest- und Feiertagen im Jahresverlauf, der uns das bewusste Erleben und Miterleben der Veränderungen in der Natur und unserer Rolle im dem Ganzen ermöglicht, dann sehe ich mich mit diesem Langzeitthema bestätigt, das ich so häufig und auch gerne im Baumtagebuch, in Gesprächen und auch in meiner Projektarbeit aufgreife, ausarbeite und für die je aktuelle Situation fruchtbar zu machen suche. So ist es kein Zufall, dass ich vor vielen Jahren die Bäume als Lebenssymbol für mich entdeckt habe und daraus ein eigenes Lebensthema gemacht habe. Sie stehen als prominente Repräsentanten und Spiegel dieser Prozesse und Zusammenhänge, aus denen wir bei bewusster Wahrnehmung sehr viel über uns selbst und unsere geistige Verortung und Entwicklung hinzulernen – oder besser: wieder neu verstehen lernen – können.

Karfreitag, Jahreskreisfeste und Anthroposophie

Es war ein Karfreitag, der auch im Außen die Bedeutung des Tages augenfällig werden ließ. Und der genügend Ruhe und Zeit ließ, um ihm gerecht zu werden. Sehr froh bin ich deshalb, dass ich mit der erneuten Lektüre von Vortragsmitschriften Rudolf Steiners anregende Ausführungen zum geistigen Hintergrund von Ostern verinnerlichen konnte. Die Vorträge zu „Ostern als Mysterium der Zukunft“ stammen aus dem Jahr 1908 und wurden ebenfalls in der damaligen Osterzeit gehalten, vor genau 110 Jahren, kaum zu glauben. Und ein Vortragszyklus zu den jahreszeitlichen Festen von 1923, vor genau 95 Jahren, startete am Karsamstag, der 1923, wie der diesjährige, ebenfalls auf den 31. März fiel. Wenn das kein gutes Timing ist. Dieser erste Vortrag handelt vom Jahreskreislauf als Atmungsvorgang der Erde. Eine ganz interessante Betrachtungsweise, die den gesamten komplexen Zusammenhang der jahreszeitlichen Feste aus den geistigen Grundlagen der anthroposophischen Weltanschauung herleitet. Morgen will ich dann den zweiten dieses Zyklus lesen, der das Osterfest selbst in den Mittelpunkt stellt. Diese Betrachtungen Rudolf Steiners spannen den ganz weiten Bogen und schaffen es in der unerreichten Steiner‘schen Art, alles aufeinander zu beziehen, was für die geistige Entwicklung von Mensch und Erde von Bedeutung ist. Wenn das an unserem Erleben der Jahreszeiten und unserem Leben in Abhängigkeit von der jeweiligen Jahreszeit und ihren Festen eng geführt wird, wirkt es auf mich immer schon besonders anschaulich und gut nachvollziehbar. Nicht umsonst hatte ich vor Jahren bereits die Bedeutung der Baumsymbolik bei verschiedenen christlichen Festen, wie Weihnachten, Palmsonntag und Pfingsten zum Gegenstand eigener Texte gemacht. Das Baumthema entfaltet darin seine besonders intensive Lebenssymbolik und zeigt uns, wie sehr uns äußere Symbole in der nicht menschlichen Natur helfen, unsere eigene äußere und innere Natur, unsere Bestimmung und Entwicklung im Zeitverlauf besser zu beobachten und zu verstehen.

Inhaltsdenken und Symbolkommunikation als Programm

Die Lektüre der Betrachtungen Rudolf Steiners zu Weihnachten und seiner Symbolik, in der der Weihnachtsbaum eine wichtige, aber nicht ausschließliche Rolle spielt, ist nicht einfach nur ein Ritual für die Zeit zwischen den Jahren geworden. Ich entdecke immer wieder Neues darin und glaube auch, die Vielschichtigkeit der Thematik zunehmend besser zu erfassen, die immer auch über den engeren Themenrahmen hinaus auf Grundsätzlicheres und weiter Reichendes verweist. Ich vergleiche das gerne mit dem, was ich von der Erzählung und Interpretation der Kirche kenne, auch mit dem, was wir als Kinder gelernt haben. Und stelle fest, dass selten ein Widerspruch besteht, diese Betrachtungen und Blickwinkel aber eine viel tiefer gehende Erklärung und sinnhafte Begründung bieten. An diesem Interesse hängt natürlich viel mehr. Es geht mir auch darum, die Beschäftigung mit Inhalten, symbolischen Formen, sinnhaften Erzählungen und Erklärungen für mich selbst, aber letztlich auch in meiner Kommunikation wieder deutlicher in den Aufmerksamkeitsfokus zu rücken. Mein Gefühl ist, dass wir diese Ebenen sträflich vernachlässigen, vielleicht sogar zunehmend vernachlässigen und uns damit ein Entwicklungspotenzial verloren geht. Nicht selten denke ich, wir sind in dieser Hinsicht rückschrittlich. Das rein formale Denken, das Arbeiten nach in Formen begründeten Verfahren ist ausschließlich praktiziert eine Sackgasse. Auch wenn ich das ohnehin immer schon verkörpere, das Inhaltsdenken und die Symbolkommunikation als Programm einer fortschrittlichen Entwicklung zu propagieren, soll mein vornehmliches Ziel in der Arbeit des kommenden Jahres sein.

Kommunikative Wirkungen des Weihnachtsbaums

Es ist interessant und fast schon Tradition bei uns, dass die Besuche in den Wochen vor Weihnachten häufiger werden. Dann ist fast immer auch Gelegenheit, einen Blick auf den Weihnachtsbaum zu werfen, der auch in diesem Jahr wieder sehr gelobt wird. Tatsächlich fällt mir kaum etwas ein, dessen Ehrlichkeit und diskursive Qualität solchen Gesprächen angesichts und über den Weihnachtsbaum nahe kommt. Er ist wie ein Signal, das die Kommunikation auf den Nullpunkt zurückführt, alle Teilnehmer quasi zu Kindern werden lässt und in dessen Aura sich etwas wirklich Vorurteilsfreies und Offenes entwickeln kann. Von meiner eigenen anhaltenden Begeisterung für den Weihnachtsbaum als starkes Symbol einmal abgesehen, kann ich immer wieder feststellen, dass in Menschen, die vor dem Baum zusammen stehen und reden, etwas zutiefst Ursprüngliches im wahrsten Wortsinn zu Klingen gebracht wird. Es ist, wie wenn wir uns an die gemeinsame Quelle erinnern. Genau diesen Gedanken hat Rudolf Steiner in seinem so eindrucksvollen Vortrag vom 21. Dezember 1909 über den Weihnachtsbaum als Symbolum zum Ausdruck gebracht, den spätestens während der Feiertage noch einmal lesen will, zusammen mit seinen weiteren Vortragsmitschriften zu weihnachtlichen Themen.

Zeichen und Symbole des Weihnachtsfestes

Ich freue mich, heute doch noch, unter dem nachwirkenden Eindruck der Weihnachtszeit die letzte Vortragsmitschrift eines Weihnachtsvortrag von Rudolf Steiner gelesen zu haben. In diesem Vortrag vom Dezember 1906 geht es um die Zeichen und Symbole des Weihnachtsfestes, wie immer brillant von den markanten äußeren Symbolen ausgehend wesentliche geisteswissenschaftliche Aussagen entwickelnd. In gewisser Weise vorbereitet war diese Ausführung von den Weihnachtsvorträgen der Jahre 1904 und 1905, die Weihnachten als ein Sonnenfest charakterisieren und in dem Zusammenhang den religionsübergreifenden Begriff des Sonnenhelden mit christlichem Glauben und der besonderen Stellung des Christentums unter den Religionen in Beziehung setzen. Dieser dritte Vortrag, der in dem kürzlich erworbenen Sonderdruck mit den beiden anderen herausgegeben wurde, führt den Gedanken weiter und bringt, wie ich finde, die anthroposophische Begründung des christlichen Mysteriums in besonders klarer Form zum Ausdruck. Deshalb ist dieser Text, den Steiner seinerzeit neben einem mit Wachskerzen beleuchteten und mit den im Vortrag erläuterten Symbolen behängten Weihnachtsbaum vorgetragen hat, für mich einer, den ich sicher noch öfter lesen werde, weil verschiedene zentrale Motive seines geisteswissenschaftlichen Denkens und Forschens darin in einer ungewöhnlich nachvollziehbaren und klaren Weise zum Ausdruck kommen. Wenn ich das lese, bedauere ich einmal mehr, dass ich, über hundert Jahre später lebend, keinen dieser Vorträge persönlich erleben durfte. Das muss außerordentlich eindrücklich für seine Zeitgenossen gewesen sein, was sich allein schon darin ausdrückt, dass nahezu alles, was Steiner weitgehend frei, von Notizen ausgehend, vorgetragen hat, stenographisch festgehalten und somit glücklicherweise der Nachwelt überliefert ist. Offenbar haben schon die Menschen damals sehr deutlich gespürt, dass darin ganz besondere geistige Inhalte vermittelt werden.

Zur geistigen Grundlegung des Weihnachtsfestes

Bisher war ich immer davon ausgegangen, das Rudolf Steiners Vortrag zum Weihnachtsbaum als Symbolum chronologisch das älteste Dokument zu diesem Thema darstellt. Umso erfreuter bin ich, einen älteren, inzwischen wohl vergriffenen Sonderdruck dreier Weihnachtsvorträge gefunden zu haben, die Rudolf Steiner im Dezember 1904, 1905 und 1906 gehalten hat, jeweils maximal zwei Wochen vor Weihnachten. Interessant ist, die Einleitungen und Hinführungen zum Thema bei den verschiedenen Vorträgen zu vergleichen. Dabei gibt es Gemeinsamkeiten, in der Ausführung der Gedanken aber auch große thematische Differenzen. Gemeinsam ist, dass er immer von der damals aktuellen Rezeption des Weihnachtsfestes durch den modernen Großstädter ausgeht und dabei feststellt, wie weit die damit verbundenen Einstellungen vom eigentlichen Sinn der Weihnacht entfernt liegen. Wohlgemerkt sind das Feststellungen, die Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts getroffen wurden, die aber nichtsdestoweniger unverändert auf heutige Verhältnisse angewendet werden könnten. Auch zu seiner Zeit war offenbar die Geschäftigkeit und der Verkehr, die weihnachtliche Dekoration in der Städten opulent, die Menschen gehetzt und kaum noch den eigentlich Sinngehalt wahrnehmend. Und immer wird dabei auch der Weihnachtsbaum als herausragendes Symbol als Beispiel genannt, mit dem Hinweis darauf, dass es sich um eine relative junge und eigentlich erste seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts verbreitete Tradition handelt. Dennoch schafft es Steiner, von diesen äußerlichen Symbolen weite Bögen zu spannen und am konzentrierten Beispiel moderner Wahrnehmung eines christlichen Jahresfestes die Grundgedanken und grundlegenden Zusammenhänge anthroposophischer Geisteswissenschaft kenntlich zu machen. Vielleicht rhetorisch nicht ganz so ausgereift wie die späteren Vorträge zum Thema sind diese, aber gerade deshalb hochinteressant, werden bestimmte Gedanken doch darin ausgebreitet und verständlich erläutert, die später in verkürzter Form wieder auftauchen. Dadurch erschließen sich mir immer weitere Ebenen dieser Texte und so nähere ich mich ach einem tiefer gehenden Verständnis dessen, was diese über hundert Jahre zurückliegenden mündlichen Äußerungen zu einer aktuellen Pflege und Weiterentwicklung des Weihnachtsfestes durch uns beitragen können.

Das Licht in uns entzünden

Die Zeit zwischen den Jahren, die dieses Jahr ziemlich genau mit einer kompletten Kalenderwoche zusammenfällt, ist für mich ebenso bedeutsam und wichtig wie die vorangehende Adventszeit und die Weihnachtsfeiertage. Weihnachtszeit bedeutet für uns ganz traditionell die Zeit bis zum Dreikönigsfest. Die Raunächte und die dazwischen liegenden Tage helfen uns, das Jahr zu einem innerlichen Abschluss zu führen und mit dem Mehr an Tageslicht einen neuen Jahreszyklus innerlich vorzubereiten. Ich denke, das ist gerade vor dem Hintergrund permanenter Fixierung und Orientierung an Terminen und Fristen, Aufgaben und Erwartungen eine ganz wichtige Zwischenphase, eine der Phasen, wie ich es selbst empfinde, in der die Zeit zum Stillstand kommen kann. Deshalb versuche ich, bewusst Ruhezonen zu schaffen, tatsächlich die Alltagsdenkart und die Automatismen der Zeitorganisation zumindest stundenweise auszusetzen. Das erfüllt ungefähr die Funktion einer Meditation, stellt vielleicht eine besondere Form von jahreszeitlicher Meditation dar, mit der wir den Moment anhalten und einmal ohne Zukunftsplan betrachten können. Die Dokumentation und gewissermaßen kreative Verarbeitung des Weihnachtsbaums gehören auch dazu. Wichtiger aber noch ist für mich jetzt der Versuch, dem Nachzuspüren, für das der Weihnachtsbaum in seiner lichten Pracht eigentlich steht: das hoffnungsvolle Licht der Winterweihenacht in uns selbst aufleuchten zu lassen. Oder – wie es Rudolf Steiner in einem seiner Vorträge zum Weihnachtsfest dargestellt hat – den Christus in unserem Inneren zu erkennen, die Geburt der Christus-Erkenntnis in uns.