Wenn kulturelle Ausdrucksformen aus ihrem Rahmen zu fallen drohen

Gut, dass diese politische Drangphase heute zum Abschluss gekommen ist. Auch wenn das Ergebnis nicht überraschend ausfällt. Die eigentliche Herausforderung steht erst noch bevor, und hoffentlich wird es ein vernünftiges Kompromissergebnis geben, das ein kleines Stück dazu beitragen kann, dass die Stimmung sich von der vorherrschenden Lethargie und Zukunftsangst fortbewegt. Es irritieren mich zurzeit nicht nur diese offensichtlichen und übermäßig medial begleiteten Entwicklungen. Es ist mehr die grundsätzliche und ziemlich verbreitete, zudem zunehmende Abkehr von allem, was uns bis vor kurzem noch Sicherheit und das Gefühl von Verwurzelung beschert hat, was erschreckend nicht nur auf mich wirkt. Was sich im Alltag in dieser Form von perspektivischem Pessimismus, gepaart mit erschreckender Mutlosigkeit, breitmacht, beobachte ich u. a. auch darin, dass die Themen, die dieses Baumtagebuch zum Gegenstand hat, wie alle Themenbereiche, die in meinen Wunschbaum-Projekten seit vielen Jahren kreativ bearbeitet und weiterentwickelt werden, dass diese Themen derzeit kaum noch Beachtung finden. Es ist nicht nur eine Reduktion von Aufmerksamkeit festzustellen, der themenbezogene Blick und die Wahrnehmung scheinen insgesamt wie gelöscht. Das ist für alle, die durch kulturelle Formen einen zukunftsgerichteten gesellschaftlichen Beitrag leisten wollen, eine desaströse Situation, die vieles im Keim erstickt, was eigentlich dringend notwendig wäre. Wir müssen versuchen, diese extreme Durststrecke zumutbarer kultureller Rahmenbedingungen zu überstehen und unsere diesbezügliche Anstrengung zwischenzeitlich unerschrocken weiterzuführen.

Gegen die Bedrohung unserer kulturellen und natürlichen Grundlagen

Bei dem pausenlosen und uferlosen Wahnsinn, den wir täglich aus den USA zu hören bekommen, kann uns die Lust an allem vergehen. Kaum noch zu verarbeiten ist all der Irrsinn und die extreme Zumutung für normales Empfinden und moralisches Handeln. Das scheint auf einmal alles in Frage gestellt und man muss auf etwas reagieren, was man bis dahin nicht für möglich gehalten hätte. Ich kann nur hoffen, dass die Europäer sich schnell und geschlossen gegen diese Zumutung wenden und erst gar nicht auf das alles eingehen. Denn das würde zu ebenso unvorstellbaren Entwicklungen und einem echten Niedergang der Kultur führen. Angesichts solcher Erfahrungen fällt es tatsächlich schwer, noch den Glauben an die Grundlagen und die Verwurzelung im Natürlichen zu thematisieren. Weil man fast das Gefühl haben muss, es sei nicht der Zeit angemessen. Aber tatsächlich scheinen mir die vertrauten Grundlagen jetzt wichtiger denn je. Nur erfordert es mehr Mut als je zuvor, diese Bindung auch zum Thema zu machen und mögliche Lösungen an diesen Grundlagen festzumachen, statt an Hirngespinsten und verqueren Einstellungskonstrukten, die niemals zu einem menschenwürdigen Zustand führen können.

Die doppelt kreative Herausforderung unserer Zeit

Ein ruhiger Sonntag, wie er nach der arbeitsreichen Woche notwendig und hilfreich war. Und gleichzeitig einer, an dem die unübersichtliche und wirklich beängstigende Lage in der Welt und der eigenen Nation gleichermaßen unübersehbar war. Es scheint vielmehr, dass die politische Bewusstheit in den letzten Jahren angewachsen ist und vielleicht lange nicht so ausgeprägt war wie aktuell. Angesichts des Mangels an deutlichen Wahlalternativen ist das aber eine ernüchternde Diagnose, weil man die Perspektive nicht erkennen kann. So werden es die Grundlagenthemen, die u. a. in diesem Baumtagebuch zur Sprache kommen, noch einmal schwerer zu vermitteln sein. Noch weiter scheinen die Menschen von der Aufmerksamkeit auf vermeintlich Zweitrangiges entfernt zu sein. So weit, dass es nicht einmal als kompensatorische Themenalternative wahrgenommen wird. Das jedenfalls konnte ich in früheren Jahren oft registrieren. Dass gerade in fristbelasteten, depressiven Stimmungslagen das Interesse an den natürlichen Grundlagen des Lebens wie auch den symbolischen Formen ihrer Thematisierung höher war und auf der Grundlage themenbezogene Kommunikation möglich wurde. Die ist jetzt aber selten und unwahrscheinlicher geworden, kann ihre kompensatorische, wie es mir selbst sympathischer ist, ihre klärende, Transparenz schaffende Wirkung nur noch in geringem Umfang und seltener erreichen. Das ist die große Herausforderung für Kreative in diesem Jahr und in näherer Zukunft. Eine Herausforderung, zu deren Auflösung wiederum viel Kreativität und kreative Erfahrung einfließen muss, um Fortschritte zu machen.

Aufmerksamkeit auf die tief versurzelte Lebensenergie

Nach einigen nach zögerlichem Aufbruch aussehenden Tagen wirkte dieser Tag wieder ganz unwahrscheinlich auf mich. Die Verwirrungen und Unbegreiflichkeiten der Welt scheinen mir sofort wieder wie lähmend. Und ich beobachte das eben gleichzeitig bei jedem. Niemand scheint sich dem entziehen zu können. Die zwischenzeitlich, allerdings selten gewordenen Auftriebswellen scheinen wie Versuche einer Selbstüberlistung. Nur haben wir selbst nach Jahren dieser Autosuggestionsversuche noch nicht den überzeugenden Ansatz herausgefunden. Das Schwimmen, Staunen und Rätseln geht weiter. Bei all dem versuche ich dennoch den Anfang wiederzufinden und dabei alles Positive aus der eigenen Lebenserfahrung miteinzubringen. Einfach weil das viel Fortschrittliches enthält und nur irgendwann der Punkt gekommen war, für uns alle, an dem es nicht mehr aufwärts ging, ab dem wir mit dem endlosen Be- und Verarbeiten des aktuell Erlebten voll und ganz beschäftigt und erschöpft sind. Ich setze auf die Aufmerksamkeit und Hinwendung zu den eigenen biografischen Wurzeln, aber immer auch begleitet durch die Hinwendung zu geistigen Ursprüngen, um einen zukunftsfähigen Weg wiederzufinden. Ein kleines Element bei diesem Versuch ist die Beschäftigung und kreative Bearbeitung des Baum-Themas. Denn die Bäume verkörpern als Mit-Lebewesen vieles von diesem unerschütterlichen Vertrauen in die eignen Wurzeln und die tief verwurzelte Lebensenergie jedes Individuums.

Das Gemeinsame und Unverrückbare wiederentdecken

Die Gefrierschrankatmosphäre wird uns noch einige Tag in Beschlag nehmen. Und ihr entsprechen die erschreckenden politischen Entwicklungen jenseits des Atlantiks, die einem einen Schrecken einjagen können. Da hat man schon den Eindruck, die Welt geht demnächst unter – wenn zu allen Problemen und Unzulänglichkeiten noch weitere hinzukommen, die das Desaster zum Extrem ausweiten. Vielleicht müssen wir uns künftig noch stärker auf unsere Grundlagen konzentrieren und diese wieder neu entdecken, die von veränderlichen Weltereignissen und auch von nationalen Zeiterscheinungen und Entwicklungen unberührt bleiben. Ich meine, dass die Beschäftigung und Reflexion über unser natürliches Umfeld, z. B. im Spiegel der Baumsymbolik, einen wesentlichen Beitrag zu dieser Wiederentdeckung des Gemeinsamen und Unverrückbaren darstellen kann.

Krisenbewältigung und das Reden über Bäume

Ein ruhiger Sonntag, der nach der Geschäftigkeit der gesamten Arbeitswoche willkommen war. Und mit dem Biografieprojekt bin ich immerhin auch weitergekommen, also war es nicht der reine Erholungstag, dennoch ein ruhiger, wie ich das für einen Sontag am liebsten habe. Die Geschehnisse in der Welt sind so von Katastrophen, Gewalt, politischen und wirtschaftlichen Krisen dominiert, dass es fast schwerfällt, überhaupt so etwas wie Ruhe zu pflegen. Und all die anderen Themen, vor allem die grundlegenden, die unser Leben eigentlich prägen, kommen natürlich wieder und immer noch zu kurz. Der Zustand hält nun nämlich schon über Jahre an und scheint immer dramatischere Formen anzunehmen. Was macht das mit der geistigen Entwicklung der Menschheit, gibt es überhaupt noch eine fortschrittliche Entwicklung auf diesem Gebiet, oder sind wir im beständigen Rückschritt befindlich? Es ist heute wie beim Wort Berthold Brechts mit dem Reden über Bäume: Es scheint einen gesellschaftlichen Zwang zu geben, sich solches zu verbieten, weil es doch so viel Wichtigeres zu bedenken, zu überdenken und zu beachten gilt. Nur steht dieses Beispiel des Redens über Bäume eben heute noch deutlicher denn je stellvertretend für das Denken und Kommunizieren auf dem Gebiet des Geistigen, gerade dem, was nicht Gegenstand der Nachrichten und öffentlichen Diskussion ist und es auch nicht sein kann. Es ist dennoch das eigentlich Bedeutsame, das wir nicht vernachlässigen sollten. So gesehen wäre ein Reden über die Bäume willkommen, und wenn das eher möglich ist als das Reden über Frieden und Solidarität, bin ich dafür die Gelegenheit zu ergreifen. Von dem, was damit geistig erreicht wird, zu den zurzeit wieder in der Öffentlichkeit dominanten Themen ist dann nicht weit. Und dieser alternative Weg scheint mir vielversprechender, stellen wir doch ein ständiges Unvermögen bei den gewohnten Versuchen fest, die Krisen auf politischem Weg oder gar mit Gewalt aufzulösen.

Gefährdungen und Motivationsbremsen

Ich konnte mir Anfang des Jahres Verschiedenes vorstellen. Dass die Diskussion aktuell aber von einer Gesundheitsgefährdung dominiert werden würde, die die Weltwirtschaft in eine Krise zu versetzen droht, hätte ich aber nicht gedacht. Dabei haben wir schon mit genügend anderen Krisen zu tun, v. a. auf politischer Ebene, im eigenen Land wie international. Nun eine Gefährdung, die ohne globalisierte Mobilität nicht möglich wäre, die als Resultat derselben aber auf einmal jeden und überall bedroht. Das lähmt die Motivation der Menschen noch zusätzlich ab, und in vielen Fällen auch ganz praktisch. Das macht nicht gerade Mut für diesen Auftakt der neuen 20er Jahre. So sehr hätte ich mir eine echte Aufbruchstimmung gewünscht. Die scheint jetzt so schnell nicht in Sicht, zunächst müssen wir durch diesen unvorhersehbaren Nebel von nicht erwartbaren Irritationen. Da freue ich mich auf die nächste Gelegenheit, in der Holzarbeit in der intensiven Arbeit mit den Energien der Bäume von all dem zur Ruhe kommen zu können.

Reload des Bewusstseins

Ein seltsamer Stillstand liegt über dem Land. Manche nennen in dem Zusammenhang die in wenigen Tag anstehenden Bundestagswahlen. Als ob sämtliches individuelle Wollen und Planen von Wahlergebnissen abhängen würde. Es erscheint mir wie die Alibifunktion von Feiertagen und verlängerten Wochenenden. Man hat dann einfach einen Grund, sich auf dem bisher Vorliegenden und Erreichten auszuruhen und erst einmal die Veränderung im Außen abzuwarten. Wohlwissend, dass aus diesen äußeren Veränderungen keine Motivation, Argumentation oder Begründung für eigene Entscheidungen und Vorhaben resultieren kann. Ein wenig beunruhigend wirkt dieser Stillstand insofern, als Rolle und Leistungsfähigkeit des Staates dabei einfach überschätzt werden. Mir selbst fällt in solchen Situationen vor allem die Rückbesinnung auf Grundsätzliches ein. Auch ein Grund, warum ich darüber im Baumtagebuch schreibe. Den unübersichtlichen, oft einseitigen und mediale überbetonte politischen Diskurs einfach mal ausklammern und sich auf das besinnen, was uns Menschen im Naturganzen ausmacht. Das hilft, uns als Gesellschaftswesen wieder klarer einzuordnen und, was uns politisch begegnet, wie nach einem Reload des Bewusstseins wieder unvoreingenommen und klar einzuordnen.