Der Wunsch nach kommunikativer Normalität

Die Kamera hatte ich heute tatsächlich ganz umsonst mitgeführt. Tatsächlich war die Baumlandschaft an diesem so angenehm warmen und lichtreichen Tag so grau und unscheinbar, dass sich keinerlei wirklich attraktive Motive ausfindig machen ließen. Nicht einmal Holzstrukturen konnte ich entdecken. Aber auch ohne Fotografie war es ein schöner, zeitweise an einen Frühlingsspaziergang erinnernder Ausflug zu Fuß, bei dem ich vielen bewegungshungrigen begegnet bin, wenn auch keinem Bekannten. Die Menschen zieht es bei diesen schon so früh im Jahr aufkommenden Frühlingstemperaturen förmlich nach draußen. Und auch die ungewohnt durchgängige Freundlichkeit derjenigen, den man auf dem Fußweg begegnet, hat sich heute wiederum bestätigt. Die Beobachtung mache ich seit einigen Wochen, ein Phänomen, das ohne Corona sicher so nicht eingetreten wäre, das aber gerade in dieser Zeit die trübe Krisenstimmung einmal aufzuhellen vermag. Vor allem ist es Ausdruck des Bedürfnisses auch nach kommunikativer Normalität, deren Absenz inzwischen allen aufs Gemüt schlägt.

Wie eine Projektion des gewohnten Lebens

Die Sonne war auch heute wieder toll, das richtige Wetter für einen Spaziergang, was viele dann auch so nutzen wollten. Auch wenn die Baumlandschaft Mitte Februar noch relativ trostlos ist, blitzen zwischendurch, in Augenblicken, in denen man die Zeit vergisst, kurze Eindrücke von Frühling oder gar Frühsommer auf. Man fühlt sich dann für Sekunden in eine wärmere Jahreszeit versetzt, inklusive der Projektion einer reduzierten Krise und eines weitgehend normalisierten Lebens. Solche Eindrücke hatte ich bei dem heutigen Gang mehrmals. Mir scheint, anderen ging es ähnlich. Nur allzu viel nachdenken darf man über diese Dinge nicht, denn in dem Moment wird man schnell von der zurzeit noch dominanten Realität eingeholt, die doch weniger erfreulich auf uns wirkt.

Normalität erinnern

Auch wenn viele sich das Dauerthema täglich wegwünschen, es verfolgt uns beständig und lähmt zunehmend die Kommunikation wie auch die je individuelle Motivation. Da fällt es schwer, dem etwas Positives abzugewinnen. Es ist eher wie eine Aufforderung zum Durchhalten und zum Konzentrieren auf Wesentliches. Worin das besteht, muss man dann aber mit dem vergleichen, was man bisher als Essenziell betrachtet hat. Der Erfahrungshorizont verschiebt sich häufiger in solchen Krisenzeiten und muss das tun, einfach weil kein Vergleich im Erfahrungsschatz vorhanden ist. Ich bin froh, dass ich mit meinen Baumprojekten genügend Spektrum außerhalb des Nachrichtenalltags zur Verfügung habe und an entsprechende Bedürfnisse einer Reihe von Menschen in ganz Europa anknüpfen kann. Mir scheint, auch damit lässt sich zeitweise alte Normalität erinnern und wiederherstellen.

Sich in Normalität üben

Das große Krisenthema hat sich schon so in die Kommunikationsroutinen und Gedanken der Menschen eingebrannt, dass alle wie paralysiert dadurch wirken. Alles erscheint auf einmal künstlich, wie nicht von dieser Welt. Und mit jeder Woche, in der sich dieses Thema fortsetzt und Eigenleben entwickelt, verstärkt sich der Eindruck von Unwirklichkeit. Ich bin sehr froh, dass ich durch meine kommunikative Projektarbeit, aber auch durch das immer wieder erdende Arbeiten an meinen Hölzern und mit der Symbolik und Energie der Bäume beinahe täglich für mich diesen scheinbaren Themenzwang, die unerträgliche Einseitigkeit und Gerichtetheit durchbrechen kann. In dieser Zeit spielt diese spezielle Krise keine wirkliche Rolle und ich kann mich in Normalität üben, bevor ich sie verlerne.