Stadtoasen

Auf den ersten Blick war mir klar, dass dieser Baum mit den weißen schirmartigen Blüten nur ein Holunder sein kann. Nichts Vergleichbares blüht zurzeit. Gleichzeitig schien mir dieser Umstand unwahrscheinlich, denn der Baum war riesig. Holunder war mir bisher aber nur als mehr oder weniger großer Strauch vertraut. Der abendliche Gang durch das Viertel rund um meine Wohnung hat mir dann die Bestätigung gebracht. Dort bin ich gleich einer ganzen Reihe gewaltiger Holunderbäume begegnet, die meist mehrere dicke Stämme besaßen. Erstaunlich, dass diese Wuchsform bei mir zu Hause nicht anzutreffen ist. Und auch schade, denn in der Form finde ich den Baum richtig attraktiv und irgendwie geheimnisvoll. Noch eins hat der heutige Spaziergang mir gezeigt: Ich kann mich mit meinem eigenen Haus, dem Garten, dem vielen Wohnraum und der dörflichen Lage mit leichter Anbindung an die umliegenden Städte wirklich glücklich schätzen. Dieses Viertel besteht nur aus riesigen Wohnblöcken. Sechs Stockwerke sind Standard, bis zu 18 keine Seltenheit. Und die Blöcke und Miethauszeilen stehen reihenweise nebeneinander und durch Wege und Straßen getrennt hintereinander. Die städtebauliche Planung am Reisbrett deutlich erkennen lassend. Und überall wohnen Menschen, verbringen hier ihr ganzes Leben, die Feiertage, erleben ihre je persönlichen Höhen und Tiefen. In Nachbarschaft von Hunderten, die gleiche Wohnungen mit gleicher Ausstattung nutzen. Die Differenzen sind von außen kaum zu erkennen. Vielleicht einmal in den Gegenständen, die auf dem Balkon abgestellt sind. Vielleicht, kleineren Häusern, in einem vor Blicken durch Grünpflanzen und Hecken geschützten Vorgarten, der als kleines individuelles Refugium dient und die für mich erschreckende Geometrie und Gleichförmigkeit ein Stück weit aufbricht. Bedauern mischt sich mir bei dieser Beobachtung mit Respekt davor, dass die hier ständig Lebenden es schaffen, ihre Individualität zu wahren und sich Freiräume zu sichern. Sie sind durch eine ganz andere Schule gegangen, und wahrscheinlich ist das auch der Grund für mein Nicht-Verstehen dieser städtischen Mentalität.

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