Skurrile Schnittkunstwerke

Die Sache mit dem Abholzen der Weißdornhecken scheint V. stärker zu beschäftigen als ich dachte. Ich finde es interessant, dass er offenbar dabei nicht nur an den praktischen Nutzen in Sachen ,,Honig“ denkt, sondern ihn auch diese unschöne und brutale Art erbost, mit der die Schnittarbeiten durchgeführt werden. Tatsächlich wird dazu eine Art Fräse benutzt, die die Sträucher nicht etwa mit glatten Schnitten in Form bringt, sondern sie geradezu zerfetzt, wobei die abgetrennten Teile in die nähere Umgebung geschleudert werden. Ein absolut an der Effizienz orientiertes Verfahren, das den Baum, um den es schließlich geht, völlig außer Acht lässt. Er muss schlicht passgenau gemacht werden, und dazu sind vor allem die Mittel recht, die es erlauben, pro Zeiteinheit möglichst viel wegzuschaffen. Das hat schon eine ganze eigene Qualität, die sich von gartenbaulichem Sachverstand zunehmend entfernt. Etwas ganz anderes ist es, wenn der Baumschnitt als Gestaltungsmittel eingesetzt wird. Natürlich ist auch der alljährliche Radikalschnitt der städtischen Platanen eine brutale Angelegenheit, aber es ist eine, die auf eine längere Tradition zurückblicken kann, die erkennen lässt, dass der Schnitt der spezifischen Formung des Baums und auf diesem Wege der Gestaltung städtischer Räume gilt. Die Platanenallee rund um den Großen Markt in S. gehört mit zu den schönsten die ich kenne. Als ich sie heute erblickte, konnte der Schnitt erst wenige Tage zurück liegen, man konnte sehen, dass er frisch war. Diese Bäume wirken wie skurrile Lebewesen aus einer anderen Welt. Ihre animalische Körperlichkeit ist so außerordentlich, dass man die Augen kaum davon lassen kann. Besonders eindrucksvoll hier ist, dass die Bäume seit vielen Jahren systematisch geschnitten wurden und eine gewisse Höhe nicht überschreiten. Ihr Astaufbau geht vom Stamm ausgehend in die Horizontale, in der sich die knubbeligen Äste wie Tentakel darstellen, zumal die Enden durch die vielen immer wieder gekappten buschartig austretenden Astansätze stark verdickt sind und dabei einem viel dünneren Hauptast entspringen. Damit wird die normale Optik der Baumwachstums umgedreht und der Baum scheint sich immer deutlicher in ein Kunstwerk zu verwandeln. In dieser karreeartigen Anordnung rund um den Platz wird die Anmutung eines lebenden Gesamtkunstwerks noch verstärkt. Für diese Art der Manipulation von Bäumen habe ich durchaus Verständnis, weil sie Sinn macht und im positiven Sinne die Gestaltung der Bäume zum wesentlichen Bestandteil der Aura von Plätzen macht.

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