Das Urinmarkenduo

In der Mittagspause war der kleine Parkstreifen mit dem Teich und dem kreisrunden Ruheplatz mein Ziel, wie an fast jedem Tag. Nicht an jedem Tag, aber sehr häufig tauchen zeitgleich, wie aus dem Nichts, die beiden Hunde auf. Sie gehören offenbar zu dem angrenzenden Haus, seltsam nur, dass ich den Halter noch nie zu Gesicht bekommen habe. Wie auch immer, die Hunde kommen auch allein zurecht und bewegen sich wie selbstverständlich auf dem Gelände, der größere von beiden zieht gelegentlich auch weitere Kreise bis zur Innenstadt, so als ob es das Selbstverständlichste von der Welt wäre. Rassemäßig könnte ich sie nicht zuordnen, sind beides wahrscheinlich Mischlinge. Kurios ist aber immer wieder ihr Auftritt als Duo. Der größere struppige Hund vorneweg und der wischmopartige kleine mit irrsinnig schnellen kleinen Schritten hinterher. Man sieht ihnen die Freude an den gemeinsamen Ausflügen und die Unternehmenslust geradezu an. Am Lustigsten aber, und deshalb erwähne ich die Episode im Baumtagebuch, ist aber das unvermeidliche Beinheben: Der große vorneweg und mit gebührendem Abstand der kleine hinterher – aber immer am selben Baum. Favoriten sind die 8 Tulpenbäume, die den erwähnten kreisrunden Ruheplatz umstehen. Mir scheint, die Urinmarken schaden den Bäumen nicht. Für den Beobachter aber ist der Vorgang ein Schauspiel.

Durchdachte Wünsche?

,,Zeit der Wünsche” – Der Film geht mir so schnell nicht aus dem Kopf. Es war einer der besten, die ich seit langem gesehen habe. Heute habe ich auch die zugehörige Internetseite entdeckt, die letzte Woche noch nicht abrufbar war:
http://www.zeit-der-wuensche.de
Eine interessante Filmgesellschaft (Filmfabrik), die in früheren Jahren schon andere dokumentarisch orientierte Spielfilme produziert hat und bevorzugt mit öffentlich-rechtlichen Anstalten zusammen arbeitet, dabei auch umfangreiche Erfahrungen im Ausland gesammelt hat. Ein Hintergrund, der die Authentizität des Films erklärlich macht. Na ja, mir scheint, die Zeit der Wünsche ist in verstärktem Maße für uns alle angebrochen. Auf meiner Wunschbaum-Seite kann ich zwar seit Anfang des Jahres keine gesteigerte Aktivität erkennen. Aber das hat wohl damit zu tun, dass jeder erstmal mit sich selber beschäftigt ist, und sich klar machen muss, was er oder sie überhaupt noch wünschen kann. Der Wunschbaum muss solange wohl auf neue Wunschzettel warten. Das sind wahrlich verwirrende Zeiten, in denen selbst das Wünschen erst noch durchdacht werden muss.

Neue Fotoserie?

Nachdem die Witterung den Frühling schon ahnen lässt, überlege ich, welches Thema ich mir als nächstes fotografisch vornehmen will. Die 5 Themenfelder, die sich an die Jahreszeiten anschließen, habe ich ja bereits umfassend ausgeschöpft, es geht darin nur noch um Ergänzungen einzelner Arten: Baum-Blüte, Blatt-Grün, Herbst-Färbung, Baum-Früchte und Blatt-Los. Inzwischen habe ich jede Menge neues Material zusammengetragen, aus dem sich verschiedene neue Felder herauslösen ließen. Es ist aber nicht ganz einfach, eine Serie zusammenzustellen. Nach dem heutigen langen Spaziergang kann ich mir vorstellen:
o Verwurzelt – die Wurzelansätze der Bäume und der untere Stammabschnitt zeugen von ihrer Kraft und Standfestigkeit.
o Landschaft in verschiedenen Jahreszeiten – Das Problem hier ist, dass wir keine deutlichen Jahreszeiten mehr haben, und deshalb z. B. das Januarbild ebenso ein Märzbild sein könnte. Wahrscheinlich läuft es eher auf eine Serie von Landschaftimpressionen hinaus. Vielleicht mache ich es auch am Thema ,,Licht” fest.
o Baum-Landschaft – Häufig hängt der Eindruck einer Landschaft wesentlich von den Einzelbäumen oder Baumformationen in ihr ab. Solche Ausschnitte zu sammeln und zusammenzustellen, könnte sehr reizvoll sein. Problem ist die Erkennbarkeit von Landschaftaufnahmen im verkleinerten und komprimierten Internetformat.

Freiraum

Ein sehr schöner sonniger Wintertag. V. und ich haben heute Vormittag die Gelegenheit genutzt und oben auf dem Berg eine Reihe weiterer Obstbäume geschnitten, d. h. er hat geschnitten und ich habe die Äste und Zweige zu zwei großen Haufen zusammengetragen. Wir werden es so machen wie in den Vorjahren. Wenn sie etwas angetrocknet sind, was um so schneller geschieht, je tiefer sich die Temperaturen unter Null bewegen, werden wir zwei große Feuer entzünden. Mal sehen, bei geeigneter Witterung vielleicht am kommenden Samstag. Ich mag solche Arbeiten sehr, denn abgesehen davon, dass es schlicht notwendig ist, hat es etwas freiräumiges und die Hand-Arbeit ist für mich immer schon sehr erholsam gewesen. Schöner ist es allerdings, wenn man sich den ganzen Tag dafür reservieren kann, was heute nicht möglich war. Ich hoffe, das kulturelle Kontrastprogramm heute abend bietet den richtigen Abschluss des Tages.

“Zeit der Wünsche – Teil 2”

Baumhorizont

Was für ein dramatisches Ende! Ein wirklich toller Film mit emotionalem Tiefstgang. Schon lange nichts mehr so Schönes gesehen. Und tatsächlich, wie ich es gehofft und eigentlich auch erwartet habe, tauchte der Wunschbaum natürlich wieder auf, wie so häufig in Symbolfilmen sogar in der Schlusseinstellung: Der unglückliche Liebende sitzt an einem ganz kleinen neuen Wunschbaum, an dem schon einige Wunschfahnen hängen, und blickt in die Abendsonne. Wer den ersten Teil des Films gesehen hat, weiß: es ist der Nachfolger des großen Wunschbaums, der zuvor über Jahrzehnte in der Dorfgemeinschaft bei einem großen jährlich stattfindenden Fest die Hauptrolle spielte. Die jugendliche Protagonistin hatte zunächst als sehnlichsten Wunsch ihren Geliebten Mustafa dem Baum anvertraut, später aufgrund enttäuschter Hoffnungen den Baum angezündet – und dann im zweiten Teil fällt der zurückgebliebene ewig ungeliebte Ehemann den schon verkohlten Baum mit wenigen Axthieben – womit die Liebe dann endgültig vernichtet schien, erst recht mit dem Mord an der Protagonistin. Schon niedergestreckt spricht die Seele derselben: ,,Leb wohl, Wunschbaum, leb wohl Mustafa…”, in der Wohnung war in einer der letzten Einstellungen ein kleines Gemälde zu sehen, welches eine einsame Landschaft mit einem einzelnen Baum mit runder Krone zeigte – unschwer als Reminiszenz an die alte Heimat zu erkennen. Welche Dramatik, wieder einmal illustriert am starken Symbol des Baumes, der den Menschen als Projektionsfläche ihrer Wünsche dient. Dann aber auch die große Hoffnung auf den Wiederanfang: der junge Wunschbaum löst den von Menschenhand gefällten ab.

“Zeit der Wünsche”

Ein Zweiteiliger Fernsehfilm in der ARD. Heute Abend lief der erste Teil mit dem Titel ,,Der Wunschbaum”. Das musste ich natürlich sehen – und war sehr angetan. Nicht nur, weil darin ein richtiger Wunschbaum mit Wunschzetteln, den die Dorfbewohner eines anatolischen Dorfes ihm anheften, eine wichtige Rolle spielt. Und dieser Wunschbaum, nachdem die Hauptdarstellerin ihn aufgrund enttäuschter Liebe angezündet hat, zum Symbol der verzweifelten Hoffnung auf den Neuanfang wird. Auch die ganze Handlung ist sehr interessant und charmant erzählt: 60er Jahre in Deutschland, die ersten türkischen Gastarbeiter und später Gastarbeiterinnen kommen ins deutsche Wirtschaftswunderland. Und lassen nicht nur ihre Rest-Familien, sondern leider auch ein gutes Stück des Charmes ihrer Heimat hinter sich. Das Wechselbad der Gefühle vor dem Hintergrund einer verhinderten Jugendliebe eines türkischen Paars, das sich nach großen Wirren und Umwegen ausgerechnet in Deutschland wieder findet, ist vorprogrammiert. Ich bin sehr auf den zweiten Teil gespannt, der am Freitag ausgestrahlt wird. Vor allem aber darauf, ob der Wunschbaum noch einmal autaucht. In dem ARD-Mehrteiler ,,Der Wunschbaum”, einer Verfilmung des gleichnamigen Romans von Sandra Paretti, der Anfang 2004 auch in der ARD gezeigt wurde, ist der Wunschbaum bis zum Schluss der Geschichte das Symbol der Heimat und der familiären und seelischen Wurzeln v. a. einer einzelnen Person. In dieser neuen Geschichte aber ist er Bezugspunkt der erst heimlichen und dann offenkundigen Sehnsüchte einer ganzen Dorfgemeinschaft – und was für ein starkes Symbol. Hier sind noch weitere Infos zum Film:
http://daserste.de/programm/tvtipp_dyn~datum,12.01.2005~cm.asp
http://www.prisma-online.de/express/film.html?mid=2004_zeit_der_wuensche
http://news.freecity.de/artikel/146711

Die Tulpenbäume

Die Blütenstände der Tulpenbäume lösen sich erst jetzt von den Zweigen. Die bräunlich vertrockneten Einzelblätter fallen nacheinander ab, bis der Baum vollständig kahl ist. An meinem bevorzugten Mittagspausenplatz in D., der von mindestens 8 Tulpenbäumen eingegrenzt ist, tragen nur zwei der Bäume bisher diese großen Blüten. In den beiden letzten Sommern sind sie zwar erschienen – weil sie so grün wie die Blätter sind übrigens nur schwer überhaupt zu erkennen – aber sie haben sich niemals geöffnet. Eine Mordsblüte, die ihre eigentliche Schönheit nur erahnen lässt. Die Bäume sind wohl noch zu jung, daran muss es liegen, und nicht an fehlender Sonne oder fehlender Feuchtigkeit, denn beides hatten wir im vergangenen Jahr reichlich. Ich bin gespannt, wann sie es endlich schaffen. Und auch, ob sie wirklich wie Tulpenkelche aussehen.

Wie Menschen

 Platanen-Arme

Das Projekt ,,Platanenschneiden”, von dem ich am Dreikönigstag berichtet habe, ist immer noch nicht beendet. Die lassen sich Zeit. Kaum zu glauben, welche Regenerationsfähigkeit in diesen Bäumen steckt, die verpackte Energie sozusagen. In wenigen Monaten wird man nichts mehr von dem Radikalschnitt sehen. Ich weiß nicht, irgendwie wirken sie selber schon wie Menschen, nachdem sie ihr Leben lang menschlicher Logik unterworfen waren.

Unwahrscheinlich

Am 9. Januar Temperaturen wie im Frühling! In Hamburg soll es die wärmste Januarnacht seit 100 Jahren gegeben haben. Man weiß nicht so genau, was man davon halten soll. Der Spaziergang war jedenfalls schön, es waren nicht mehr Leute unterwegs als sonst. Wahrscheinlich trauen die Menschen dem Unwahrscheinlichen noch nicht, zumal ab Mittwoch wieder sinkende Temperaturen vorausgesagt sind. Von mir aus könnte der Frühling jetzt schon durchstarten, nachdem der Winter gar nicht erst angelaufen ist. Auf dem Rückweg: Mal wieder erschrocken durch die brutal zurückgeschnittenen Hecken an der Saar. Diese Gemeindefuzzis haben keinen Sinn für nichts. An derselben Hecke habe ich im letzten Winter wunderbare Blatt-Los-Fotos gemacht.

Baumliteratur

Die Literaturliste zur Symbolik der Bäume auf www.wunschbaum.de war zu lang geworden. Heute bin ich endlich dazu gekommen, sie nach Themenfeldern sortiert auf einzelne Seiten aufzuteilen. So ist es wohl für den Leser übersichtlicher. Man kann ein Thema wählen oder aber sich die Gesamtliste sortiert nach Autorennamen ansehen, mit jeweiligem Link auf die kurze Inhaltsbeschreibung. Die ganze Liste steht auch zum Ausdrucken als pdf-Dokument zur Verfügung:
http://www.wunschbaum.de/baumliteratur.htm

Weihnachtsbaum adé

Nun ging es doch schneller als vorausgedacht: Der Weihnachtsbaum steht nicht mehr. Das Entfernen des Schmucks und der Lichterketten geht immer sehr viel schneller als das Schmücken selber. Trotzdem genieße ich es genauso. Es hat für mich etwas ähnlich Kontemplatives und unglaublich Friedliches. Übrigens auch das Verpacken der verschiedenen Sterne, Samtkisschen und der Glasteile fürs nächste Jahr gehört mit zu dieser typischen Weihnachtsbaum-Abbau-Atmosphäre. Ich höre gewöhnlich Musik dabei. Letztlich habe ich mich mit dem Baum versöhnt, der mir anfänglich solche Bedenken verursacht hat. Es war doch wieder ein guter Weihnachtsbaum.

Platanen

Heilige Drei Könige: Eigentlich ist es jetzt die Zeit, den Weihnachtsbaum zu ent-schmücken und aus der Wohnung zu tragen. Wir werden es erst am Wochenende angehen. Zumal er mir heute schöner denn je erschien, so habe ich noch ein paar Tage etwas von ihm. Ich sagte es schon einmal, aber weil’s so merkwürdig ist: Wir haben einen ganz unwirklichen Winter, temperatur- und stimmungsmäßig. Da erschien es heute in D. wie eine mechanische Gewohnheit, wenn die Gemeindearbeiter die Platanen geschnitten haben. Das passiert normalerweise bei klirrender Kälte, aber ob die noch mal kommt? dachten die sich wohl auch. Ich gebe zu, dass ich sie beneidete um diese Arbeit. Es handelt sich um eine ganze Allee von inzwischen kräftigen Platanen mit wulstigen Stämmen und knorrig-verdrehten Ästen, die von Anfang an radikal geschnitten wurden und dadurch heute diese skurrile Form wie aus einem surrealistischen Gemälde haben (Im letzten Jahr haben sie die sogar im Abstand von ca. 2 Monaten gleich zweimal hintereinander geschnitten. Dahinter scheint ein genauer Plan zu stehen, wie alles Bäumige in D. ohnehin sehr systematisch verfolgt wird. Wer ist dafür wohl verantwortlich?) Es hatte was chirurgisch-bildhauerisches, mit der Kettensäge von einer schwenkbaren Hebeplattform aus. Alle Äste wurden bis zum knorrigen Ansatz, aus dem später wieder ganze Astbüschel ausgehen werden, abgesägt. Übrig jetzt nur noch das reine Baum-Skelett, Stamm und kurze kräftige Äste mit knollenartigen Verdickungen am Ende. So sind die Platanen die besten Kunstwerke in der Stadt, ganz nach meinem Geschmack als figurenhafte Differenz-Einheiten von Natur und menschlichem Gestaltungssinn. Sie kooperieren dabei und fügen sich in ihre so gewollte dynamische Form.

Illustration

Der Text zum christlichen Lebensbaumbegriff ist nun abgeschlossen. Nun will ich ihn ins Netz stellen. Aber zuvor kommt, wie immer, die Illustration. Ich will es so ähnlich wie beim Weihnachtsbaum-Text angehen, weil er von der Länge und Gliederung her vergleichbar ist. Nicht ganz einfach, die richtigen Grafiken zu entwickeln, ist mir aber letztlich gut gelungen. Was ich noch nicht weiß: welche größere Grafik an den Anfang kommen soll. Vielleicht wähle ich eine Montage der drei übrigen. Wird mich wohl noch 1-2 Tage beschäftigen.

Persönliches Baumtagebuch von Bernhard Lux: Täglich begegne ich den Bäumen auf vielfältigen Wegen. An ihrem jeweiligen Standort in der Natur, in der Lektüre von Baum- und anderer Literatur, in der alltäglichen Reflexion, der handwerklichen Arbeit und im Gespräch mit der Familie oder Freunden und Kollegen. Es ist mir ein Bedürfnis, diese themenbezogenen Beobachtungen, Interaktionen und Kommunikationen in Form des Baumtagebuchs zu dokumentieren. Seit dem 20. November 2004 habe ich keinen einzigen Tag ausgelassen – ein Zeichen dafür, dass das Baumthema und der Baum als Archetypus tatsächlich im Alltagsleben verankert ist und vielfältige inhaltliche Assoziationen ermöglicht. So mag dieses Baumtagebuch jeden seiner Leser/innen auf die Spur einer je eigenen Beziehung zu den Bäumen führen.