Zypresse und Pappel

Das wird wieder ein arbeitsreiches Wochenende. Gleich zwei Aufträge für Lebensbaumarmbänder zu bearbeiten, und dann noch recht schwierige Hölzer. Aber eigentlich sind alle Hölzer auf ihre je eigene Art schwierig. Die Erfahrung gleicht das aus, inzwischen weiß ich sehr gut, wo welche Tücken zu erwarten sind, und bei der Auswahl der Abschnitte hatte ich in letzter Zeit immer ein gute Hand. Und dann macht es eben einfach Freude, so nah am Material und an der Symbolik der Bäume. Zypresse kommt relativ selten, die Pappel ist schon häufiger, weil sie gleich drei Phasen des Baumkreises beansprucht. Muss nur noch neues Schleifmaterial besorgen und dann kann es losgehen. Hoffe jetzt allerdings auf besseres Wetter, nasskalt ist bei dieser Arbeit nicht so mein Ding.

Verstaubte Ästhetik der Hölzer

In dem Klassiker vom Untergang der Titanic habe ich es noch mal gesehen: welch enorme Bedeutung die Gestaltung mit Holz, besonders mit edlen Hölzern und Furnieren um die Wende des 19. zum 20 Jahrhundert hatte. Und welchen Stellenwert für die Ästhetik des Alltags. Leider ist dieser Glanz aus der Oberfläche des 21. Jahrhunderts weitgehend verschwunden. Nur noch in Nischen flackert er manchmal auf. So hat heute meine Kollegin Frau M. ein Geschenk für ihren Freund über den Versandhandel bestellt: einen Billardstab aus edlem Holz. Jedenfalls die Spitze, die oben aufgeschraubt wird. Sieht sehr schön aus. Weniger schön, aber in der erwarteten Logik der elitären Freizeitbeschäftigung Snooker-Billard liegend, der Koffer, in dem der Stab verstaut wird: das Kunststoffimitat eines Edelholzwurzelfurniers. Ja ja, dann gibt es auch die Pfeiffenraucher, denen man zwar zunehmend selten begegnet, die aber diese wunderbar geformten Pfeiffen aus exotischen Holzraritäten vor sich herzeigen. Ähnliche Gedanken kommen mir in PKWs der Luxusklasse, in welchen ich ebenfalls selten sitze, welche aber nicht selten mit Edelholzfurnier-Armaturen ausgekleidet sind. Perfekt aufpoliertes Naturmaterial in einer High-Tech-Karosse. Das ist es eben, was ich mit Glanz meine, eine Art Luxus, die irgendwie nicht mehr in diese Welt passt, die sich aber die meisten Menschen gerne antuen würden, wenn sie es könnten. Was die Bäume wohl dazu sagen würden?

Traumbild Baum

Der Begriff des Lebensbaums wird mich sicherlich noch sehr lange beschäftigen. Er trifft einfach am besten das Hauptthema meiner Seite: das Verhältnis von Bäumen und Menschen, um es einmal ganz allgemein zu formulieren. Denn um nichts anderes geht es, wenn man von der Symbolik der Bäume spricht: die Symbole der Menschen, wie sie in Form von Bäumen erscheinen oder durch die Wahrnehmung von Bäumen ins Leben gerufen werden. Ich versuche, das Feld nach verschiedenen Aspekten aufzuteilen, wobei ich noch dabei bin, mögliche Facetten zu unterscheiden. Ein ganz seltener Ansatz, der, wie der Autor selber feststellt, in der Buchliteratur ziemlich einsam dasteht, ist die Betrachtung des Lebensbaums in Träumen. In ,,Traumbild Baum – Vom Wurzelgrund der Seele” greift der Autor Helmut Hark Erfahrungen aus eigener therapeutischer Praxis auf und deutet diese auf Grundlage seiner besonderen Kenntnisse der Traumdeutung. Darin werden Bäume als wichtige Symbole persönlicher Erfahrung, zeichenhafte Vehikel zur Findung des Selbst und v. a. zur Bewältigung und Steuerung von Wandlungsprozessen des Lebens erkennbar. Die symbolischen Werte der Bäume stehen dabei in Beziehung zu psychischen Archetypen, d. h. zu Grundmustern der Selbst- und Weltwahrnehmung, die der Individualität einzelner Lebensläufe vorausgehen und die deren Ausdeutung und Bewältigung gleichzeitig ermöglichen. Die Beschäftigung mit Baum-Träumen ist hierfür nach Ansicht des Autors ein geeigneter Weg. So gibt er dem Leser 16 Fragen mit auf den Weg, anhand derer er eigene Baum-Träume erschließen und in ihrer symbolischen Relevanz für den eigenen Lebensweg und -wandel ausdeuten kann.

Der große Brand

Ich weiß nicht genau, wo sie herkommt, meine besondere Affinität zum Feuer. Schon als Kind war ich unheimlich fasziniert von den Flammen und der Transformation im Vorgang des Verbrennens. Da ist eine Erinnerung an ,,Brennexperimente” mit Lehmkugeln und in einer Erdhöhlung entfachtem Feuer, oder an das Verbrennen von Papier aus dem privaten Bereich in einer dafür vorgesehenen Tonne, eine Arbeit, um die ich mich schon immer gerissen habe. Vielleicht ist es ja tatsächlich die Umwandlung, der Übergang von einem materiellen Zustand in einen anderen und die Freisetzung von Energie, aber auch die ästhetischen Begleiterscheinungen, der Rauch, das Züngeln der Flammen, das Hervortreten der Glut unter der bereits erloschenen Asche. Eben das Skorpionhafte von Vergehen und Werden, eines meiner Lieblingsthemen. Besonders toll ist für mich das Verbrennen von Holz. Jedes Jahr im Winter gibt es bei uns so ein Ritual: Wir tragen die beim Obstbaumschnitt angefallenen Äste und Zweige zu einem oder, wie in diesem Jahr, zu zwei großen Haufen zusammen. Diese Ästeberge verbrennen wir dann nach einigen Wochen, wenn sie, was besonders schnell bei strengem Frost geschieht, schon etwas angetrocknet sind. So auch heute. Aber es war anders als sonst. Normal ist, dass es am Anfang langsam geht, das Feuer muss eben erst in Gang kommen, die wenigen mitgebrachten abgelagerten Holzscheite müssen erst ihre Glut an das grüne Holz weitergeben und es damit entzünden. Und erst wenn eine bestimmte Glutschicht entstanden ist und die Temperatur ein bestimmtes Niveau erreicht hat, kommt der Brand richtig in Fahrt. Ab diesem Zeitpunkt geht es in der Regel sehr schnell und der riesige Haufen ist innerhalb einer halben Stunde zum harmlosen Aschehaufen heruntergebrannt. Heute aber war dem nicht so. Während des ganzen Verbrennens haben die Flammen mit dem gefrorenen Holz geradezu gerungen. Es ging nur ganz langsam, immer wieder mussten wir mit der Gabel die Äste verdichten, umschichten, von der Peripherie in die Mitte des Haufens werfen. Und erst ganz zum Schluss hatte ,,er verloren”, wie V. es immer ausdrückt. Das ganze dann mal zwei, weil es ja zwei Haufen waren. Noch eine Merkwürdigkeit: Es gab fast kein Zwischenstadium. Die Äste verbrannten, fielen aber nicht zu dem üblichen Gluthaufen zusammen, von dem ich im letzten Jahr so wunderbare Glut-Fotografien machen konnte. Nein, nach dem Verbrennen lag da gleich die Asche – ganz seltsam. Vielleicht zu wenig Wind und infolgedessen zu wenig Sauerstoff für die Flammen. Vielleicht zu wenig Frost in den letzten Wochen, so dass die gespeicherte Flüssigkeit noch fast vollständig enthalten war und erst noch entweichen musste. Wie auch immer, wir brauchten heute viel Geduld. Schön wars trotzdem. Die Serie von Bildern dokumentiert die verschiedenen Stadien vom Ästeberg zum Aschehaufen, der später auf der Obstbaumwiese verstreut wird – ein idealer Kreislauf.

Holzfeuer

Holzfeuer

Holzfeuer

Holzfeuer

Holzfeuer

Millenniumbäume

Mein eigenes Verhältnis zu den Bäumen ist eher an meinen Wohnort oder etwas weiter an meine Heimatregion gebunden. Auf Spaziergängen wähle ich meist nur wenige immer gleiche Wege, die mir dennoch nie langweilig werden, weil sie sich immer wieder neu und überraschend darstellen. Natürlich sind mir auch auf Reisen, die bei mir selten sind, die Bäume ein besonderes Anliegen. Einmal bin ich z. B. nach Südtirol gereist, nur um den Zürgelbaum zu sehen. Vielleicht hängt diese Heimatverbundenheit in einem überhaupt nicht kitschigen Sinne daran, dass es mir immer um die Bedeutungen, die Ausstrahlung der Bäume und die natürliche Partnerschaft zwischen Mensch und Baum geht. Nicht so sehr um das Aufsuchen besonders alter, exotischer oder sonst wie spektakulärer Bäume. Auch wenn der räumliche Erfahrungsdrang und das weit greifende Entdecken der Bäume für mich keine so große Rolle spielt, finde ich Berichte von Menschen sehr interessant, für die gerade dies stimmig ist, und die im Erforschen, Durchwandern und Erleben fremder Länder und ihrer Bäume einen wichtigen Lebensinhalt sehen. So habe ich heute eine Seite gefunden, die ein österreichisches Kultur- und Waldprojekt beschreibt: Der Schwazer Silberwald: http://www.schwazersilberwald.at/silberwal/fram_siwa.htm Darin geht es um eine ganze Reihe von Teilprojekten mit zahllosen botanischen, künstlerischen und weiteren symbolischen Bezügen. Sehr interessant in diesem Rahmen ist die Aktion ,,Millennium Weltenbaum”, bei der Bäume und Erden verschiedener Teile der ganzen Erde zusammengetragen werden, um globale Bezüge und kulturelle Zusammenhänge herzustellen. Eine sehr überzeugender Ansatz, der offenbar auch von staatlichen Stellen und ansässigen Unternehmen große Unterstützung erfährt. Solche Beispiele können mir Mut machen, vielleicht doch noch einmal ein künstlerisches Baum-Projekt zu wagen – in meiner Heimatregion versteht sich.

treelights

Treelight

,,treelights” wäre ein schöner Domainname für die Plattform, die ich irgendwann einmal einrichten will, um meine diversen (teilweise noch nicht existenten) Themenseiten über Bäume von dort aus zu verzweigen. Leider kommt der Begriff schon öfter im Web vor, meist in der Bedeutung elektronischer Baum-Leuchtketten oder anderer Baum-Beleuchtungssystene zu dekorativen Zwecken. Das weckt möglicherweise falsche Assoziationen. Dabei denke ich natürlich an das Licht, welches die Bäume uns und in unser Leben bringen. Das Foto ist nur ein plakativer Fingerzeig darauf, trotzdem mag ich solche Aufnahmen, die sich bevorzugt an kalt-trüben Wintertagen wie dem heutigen machen lassen, vorausgesetzt, die Sonne sticht hinter dem Hochnebel durch. Ich fühle mich dann immer ganz entrückt, wie in einer anderen Welt, in der die gewöhnlichen Gesetzte von irdischem Raum und menschlicher Zeit in einem surrealen Licht aufgehoben sind. Dem Licht der Bäume fühle ich mich dann sehr nahe.

Baum-Kletterer

Kletterefeu

Das Efeu gehört zu den Pflanzen, die das ganze Jahr über eine gute Figur machen. Nicht nur weil es immergrün ist. Bei ihm wechseln sich sattes Blattwachstum, Blüte und Fruchtbildung in lang anhaltenden Phasen ab, so dass es immer spannend zu beobachten bleibt. Auch treten Blüten und Früchte über Monate hinaus gleichzeitig auf. Und dann klettert es eben und hat damit nicht nur einen eigenen Charakter, sondern bestimmt auch das Erscheinungsbild anderer Bäume. Jetzt im Hochwinter sticht es mir besonders ins Auge, besonders wenn es die Baumstämme von unten nach oben umrankt. Sie werden dadurch richtig eingekleidet, und in der blattlosen Jahreszeit hat das etwas sehr Schmückendes. Diese Eigenschaft machen sich auch die städtischen Gärtner zu Nutze, wenn sie Straßen- und Parklaternen mit Efeu einkleiden. In D. sind einige Exemplare, die nur noch durch den oberen Lampenschirm überhaupt als solche zu erkennen sind und sich auf Augenhöhe durchaus mit lebenden Baumstümpfen verwechseln ließen. Irgendwann werde ich einen Text über die Baum-Kletterer schreiben: über das Efeu, die Gemeinde Waldrebe – und natürlich die schmarotzende Mistel.

Unsichtbare Platanenkugeln

Die stacheligen Früchte der Platanen hängen immer noch an den Bäumen. Und erst jetzt nehme ich sie überhaupt richtig wahr. Solange das dichte Blattkleid den Eindruck des Baums beherrschte, musste ich die Früchte geradezu suchen, und es erschien mir, als ob sie nur ausnahmsweise vorhanden seien. Ähnlich ist es übrigens bei den Schlehen, die im Sommer und Herbst im üppigen Stachel-Grün ihre Beeren verschlucken. Im Winter dann erscheinen zahllose an den entblätterten Zweigen, die Monate zuvor dem Sammler unsichtbar waren. Und noch etwas irritiert mich an den Platanenkugeln: Sie sind einfach nicht zu fotografieren. Das Sommerlicht warf irgendwie immer seinen Schatten und tauchte die Hälfte der Frucht ins kontrastarme Dunkel. Und jetzt sind die Tage meist so trüb und die Früchte inzwischen so verblasst, dass sie sich erst recht nicht mehr festhalten lassen.

Technisierte Natur

Baumhorizont

Auf der Heimfahrt von der Arbeit dämmert es um diese Jahreszeit. Das rötliche Licht der untergehenden Sonne malt dann häufig schöne Horizonte. Bevorzugt auf Strecken, auf denen ich nicht anhalten kann. Heute habe ich doch eine Möglichkeit gefunden und ein paar Fotos gemacht. Eine Baumreihe unter rötlich-lilafarbenenem Schleierwolkenhimmel. Wie man sieht sind Horizonte ohne Zeichen menschlicher Technik selten geworden. Die Hochspannungsleitung zerschneidet das Bild horizontal, als ob sie den Himmel von der Erde trennen wollte. Und einzelne Hochspannungsmaste gesellen sich zu ihren natürlichen Vorbildern. Reihen sich so ein, dass man denkt, sie suchen Gesellschaft. Und die technisierte Natur sinkt in den Abend.

Haselblüte

Für die nächsten Tage ist zwar Schneefall gemeldet, aber der Frühling ist trotzdem schon zu erahnen. Nicht nur wegen des besonderen Lichts, das sich zwischendurch Bahn bricht und das typisch für die Fastnachtszeit ist, egal wann sie stattfindet. Ich erkenne es auch an den Haselsträuchern, an denen ich heute vereinzelt die ersten weiblichen Blüten entdeckt habe. Leider noch zu klein zum Fotografieren, aber damit hatte ich in den vergangenen Jahren schon so meine Schwierigkeiten, ich fürchte auch diesmal wird der Zoom nicht ganz ausreichen, um das winzige rote Büschel vernünftig ins Bild zu setzen. Bin gespannt, ob ich in diesem Jahr noch ein paar neue Entdeckungen machen kann.

Olfaktorische Geheimnisse

Wenn mir früher jemand erzählt hätte, er könne verschiedene Holzarten am Geruch erkennen, was hätte ich wohl dazu gesagt? Fest steht, wenn ich wie heute Nachmittag Holz säge oder hoble, erkenne ich häufig die Art am Geruch, den die feinen Holzstaubpartikel in der Atemluft hinterlassen. (Übrigens etwas, was sich stark einprägt und selbst Jahre später noch abrufbar ist bzw. ein bestimmtes Erinnerungsbild hervorruft.) Es muss allerdings immer auf diese Art pulverisiert sein, sonst riecht man meist gar nichts. Darunter sind ganz ungewöhnliche Gerüche, solche, die sich mit nichts anderem vergleichen lassen. Ich denke etwa an den Geruch des Feigenbaumholzes, des Ulmenholzes oder des Pappelholzes. Und dann wundere ich mich und versuche die Erscheinung des Baumes oder meinen Eindruck des Baumes mit diesem Geruch in Beziehung zu setzen. In der Regel gelingt mir das nicht, was mir zeigt, dass der Baum noch einige Geheimnisse birgt, die mir als Mensch verborgen sind, dass in ihm etwas steckt, was sich nicht wirklich festhalten lässt. Etwas, was seine Individualität ausmacht, und nur in kurzen und unwahrscheinlichen Momenten, wie dem Einatmen seines Holzstaubs, sich überhaupt erahnen lässt.

Baum-Holz

Es ist über zwanzig Jahre her, dass ich meine besondere Freude am Baum-Holz entdeckte. Das war der Beginn meiner Beschäftigung mit Bäumen – über die Arbeit mit Holz. Damals war es ein Stück vom Brennholzhaufen, das ich begann einer gesehenen Vorlage entsprechend zu bearbeiten. Es war etwas vollkommen Neues, nachdem ich jahrelang meine Freizeit vor allem der Musik gewidmet hatte. Zum ersten Mal aber hatte ich das Gefühl, etwas wirklich Eigenständiges zu tun, nicht bloß zu interpretieren, sondern eine eigene Welt im Medium des Holzes zu erschaffen. Erst viel später meinte ich, dieses auch mit anderen teilen zu müssen, was vieles komplizierter machte und ein Stück des Geheimnisses auch entblößte. Daran habe ich mich heute abend beim Drechseln erinnert – und wieder einmal erkannt, welch große Bedeutung diese Arbeit – und mit ihr die Bäume – für mich immer haben werden.

Mathematische Bäume

Dass die Eigenschaft der Bäume, sich in Form von Ästen in den Luftraum und in Form von Wurzeln in die Erde zu verzweigen, Vorbild vieler Symbol- und Technikformen ist, war mir lange bekannt. Man denke nur an den Stammbaum zur Kennzeichnung menschlicher Abstammungslinien, den Verzeichnisbaum zur Hierarchisierung elektronisch gespeicherter Daten oder an einen Stromverteilungssystem. Heute bin ich aber bei der Recherche nach Baum-Literatur im Internet auf die Seite eines deutschen Mathematikers gestoßen, die mich einigermaßen erstaunt hat: http://www.josef-graef.de/lknoten.html Dort findet sich unter der Ruprik ,,Zeitloses” als einziger Verweis das Kapitel ,,Bäume”: http://www.josef-graef.de/baeume/index.html Die Zeitlosigkeit drückt sich dort allerdings nicht im erhabenen Charakter alter Baumindividuen aus, sondern in mathematischen Formeln und Verfahren. Da ist von Nyström-Bäumen die Rede und in der Einleitung heißt es: ,,Es gibt Bäume auf der grünen Wiese und es gibt Bäume in der Welt der Ideen. Letztere sind abstrakte Objekte und äußerst praktisch zur Konstruktion bestimmter numerischer Verfahren zur Berechnung u. a. von Planeten- oder Satellitenbahnen.” – soweit kann man folgen, alles Nachfolgende allerdings erschließt sich dem mathematisch Ahnungslosen in keiner Weise. Gerade deshalb fand ich das so faszinierend. Wie weit ist hier der Bogen gespannt, von den lebenden Bäumen auf der Wiese, die der Autor ebenfalls abbildet, den kryptischen Mathematikformeln, die selbst für Mathematikkundige eine intellektuelle Herausforderung darstellen, bis zu den ebenfalls natürlichen, aber unendlich weit entfernten Planeten, die uns im Gegensatz zu den Bäumen primär auch nur intellektuell zugänglich sind. Begreifbar aber wird dies im Bild des Baums. Für mich ist das ein weiterer Beweis für die universelle Symbolkraft der Baumwesen.

Leben vom ewigen Leben

Heute erschien in der Tageszeitung eine Todesanzeige zum Gedenken an einen Mann, der zu Lebzeiten den Titel ,,Forstoberamtsrat” besaß. Offenbar hat er sich nicht nur beruflich mit den Bäumen beschäftigt. Dem Text und der Abbildung der Anzeige nach müssen Bäume für ihn auch eine besondere Bedeutung im privaten Leben gespielt haben. Links ist in Strichzeichnung ein Baum abgebildet, mit dem Untertitel ,,Ich bin Leben vom ewigen Leben”. Vor der Nennung des Namens heißt es:

,,Seit Menschengedenken gelten Bäume als Ursymbol des Lebens, Bewahrer der Zeit, verlässliche Brüder, erhabene Weggefährten, die den Himmel mit der Erde verbinden.”

Und unterhalb der Namensnennung heißt es:

,,Wir haben unseren Baum verloren.
Er war fürsorglicher Lebensgefährte und väterlicher Freund.
Er war humorvoller Großvater.
Er gab uns Kraft und Schutz.
Er hat uns ermutigt und bestärkt.
Er war uns Vorbild an Umgänglichkeit und Toleranz.
Er war Mittelpunkt unserer Familie.
Das wollen wir uns bewahren.

Wir werden ihn sehr vermissen.”

Dann folgen die übliche Liste der Trauernden und Hinweise auf das Begräbnis. Ich finde es sehr schön, wie plastisch die Verbindung von Mensch und Baum hier dargestellt wird. Denn der Baum wird nicht nur als Bild des geliebten Verstorbenen gebraucht, er ist darüber hinaus auch in den Mittelpunkt des Familienlebens gerückt. Damit vermischen sich persönliche Charaktermerkmale des Verstorbenen, verschiedene üblicherweise Bäumen zugesprochene Funktionen und Attribute sowie menschliche Vorstellungen von der transzendenten Rolle der Bäume als Mittler zwischen Himmel und Erde. Eben diese Rolle wird nun symbolhaft dem Verstorbenen zugesprochen.
Ich frage mich, ob man bei meinem Ableben meine innige Verbindung mit den Bäumen in einen ähnlichen Zusammenhang stellen wird. Es würde mir gefallen.

Persönliches Baumtagebuch von Bernhard Lux: Täglich begegne ich den Bäumen auf vielfältigen Wegen. An ihrem jeweiligen Standort in der Natur, in der Lektüre von Baum- und anderer Literatur, in der alltäglichen Reflexion, der handwerklichen Arbeit und im Gespräch mit der Familie oder Freunden und Kollegen. Es ist mir ein Bedürfnis, diese themenbezogenen Beobachtungen, Interaktionen und Kommunikationen in Form des Baumtagebuchs zu dokumentieren. Seit dem 20. November 2004 habe ich keinen einzigen Tag ausgelassen – ein Zeichen dafür, dass das Baumthema und der Baum als Archetypus tatsächlich im Alltagsleben verankert ist und vielfältige inhaltliche Assoziationen ermöglicht. So mag dieses Baumtagebuch jeden seiner Leser/innen auf die Spur einer je eigenen Beziehung zu den Bäumen führen.