Wirre Zeit

12.01.2006 – Wirre Zeit
Nicht viel zu sagen: Der Alltag hat mich eingeholt. Ich schwanke zwischen dem Drang, Neues auszuprobieren, dem Reflektieren des Vergangenen und dem Hinterfragen des Ganzen. Das sind ziemlich wirre, orientierungslose Zeiten. Ich versuche darin eine Chance zu sehen, mein Eigenstes hervorzuholen und zu neuer Blüte zu bringen. Bevor die Bäume ihr eigenes Leben wieder aufnehmen und mich stärker beanspruchen als in diesen Tagen.

Kampf dem Winter

Der Winter hat jetzt eigentlich seinen Höhepunkt erreicht. Ich mache das am Zustand der Vegetation fest. Kaum noch irgendetwas schmückt die kahlen Gerüste der Bäume. Selbst die blauschwarz schimmernden Früchte des Liguster sind nur noch vereinzelt an den Sträuchern zu sehen. Lediglich solche Bäume, die wie die Schwarzerle und der Hasel schon im Vorjahr ihre Blütenstände ausgebildet haben, die jetzt noch in kälteresistenter Dichte stehen und erst in einigen Wochen sich ausdehnen werden, erinnern daran, dass irgendwann auch das Aufblühen und Knospen wieder einsetzen muss. Bis dahin ist jeder Spaziergang eine Art Kampf, der daran erinnern mag, wie ausgeliefert man den Naturkräften wäre, lägen nicht Jahrtausende Kulturentwicklung und Schutztechnik gegenüber dem hinter uns, was für uns schädliches vom freien Spiel der Elemente ausgehen mag.

Biologie und Bewusstsein

Ein ziemlich trüber Tag, obwohl es ganz anders gemeldet war. Ich warte immer noch auf die so wohltuende winterliche Sonneneinstrahlung, während der es mir einfach besser geht. Die Kombination von Hochnebel und Frost dagegen drückt aufs Gemüt und schwächt den Organismus. Jedenfalls bei mir und anderen wetterfühligen Menschen. Die Witterung muss sich einfach ändern, soll so etwas wie Aufbruchstimmung entstehen. Selbst die Bäume kann ich bei solchem Wetter nicht wirklich wahrnehmen, wie ich beim heutigen Mittagsspaziergang erschreckt feststellen musste. Darin sehe ich einen Hinweis auf etwas, was man, glaube ich, gar nicht so richtig vergegenwärtigt. Dass nämlich unsere biologischen Grundlagen, unsere körperliche Substanz nicht nur die körperliche Befindlichkeit, sondern auch die Wahrnehmung und die Aufnahmefähigkeit, nicht zuletzt unsere Kreativität wesentlich beeinflussen. Vielleicht stärker als alle noch als alles, was unsere wie auch immer ausgeformte Kultur bewirkt. In Abwandlung von Marx: Die Biologie bestimmt das Bewusstsein. Es ist schön, dass man das nicht absolut sehen kann und muss. Wie anders könnten Menschen z. B. auf diese Seite finden? Oder auf die Idee kommen, ein Baumtagebuch zu schreiben?

Grußkarten und Lebensbäume

Zum Ordnung machen gehört auch das Einsortieren der unzähligen Weihnachts- und Geburtstagskarten. Wir haben zu diesem Zweck zwei Archiv-Boxen eingerichtet, in denen auch Unterlagen zu allen möglichen weiteren Themen untergebracht sind. Auch wenn wir nur selten danach sehen, im Einzelfall kann es eben doch nützlich sein, auf eine alte Karte oder ein altes Dokument zurück greifen zu können. Besonders wenn es mit einem Menschen zusammen hängt, der sich viel Mühe gegeben hat, wie etwa Herr und Frau L. aus Th., die uns seit vielen Jahren Grußkarten mit eigenen Fotografien, bevorzugt von Schneeimpressionen schicken. Oder Herr W. aus N., den ich zwar das ganze Jahr über nicht sehe, der aber immer ein paar sympathische Worte zu Weihnachten schreibt. Ein Plus der Beschäftigung und Archivierung von Grußkarten: Ganz häufig bilden sie Bäume ab. Weihnachtsbäume oder Bäume in der Landschaft, die andere symbolische Werte transportieren. Anders als bei den Einladungskarten zu Kunstausstellungen, die ich jahrelang gesammelt und dann doch irgendwann entsorgt habe, könnte ich mir hier vorstellen, irgendwann einmal eine Bestandsaufnahme unter dem Motiv-Kriterium ,,Baumdarstellung” zu machen. Im Zusammenhang meiner Versuche, dem Geheimnis des Lebensbaums auf die Spur zu kommen.

Neue Ordnung

Das ist normalerweise eine Arbeit für die Zeit zwischen den Feiertagen. Diesmal aber habe ich es verschoben. Und heute war er einfach fällig: Der Aufräum- und Putztag. Es hatte sich einmal wieder eine Unmenge an Material in meinem Arbeitszimmer angesammelt, das sortiert, entsorgt oder neu organisiert werden musste. Das war ganz anregend, da es mir ermöglicht hat, bestimmte Dinge in neue Zusammenhänge zu stellen. Mal abgesehen davon, dass der Raum jetzt einfach übersichtlicher ist. Die beiden größten Erfolge: Das Glasregal mit den Baum-Büchern erstrahlt jetzt wieder in staublosem Glanz. Und die Weihnachtsdekorationen sowie die bisher noch kleine Sammlung von Weihnachtsbaum-Symbolen sind jetzt endlich einmal in seperaten Kartons verstaut und somit im kommenden Jahr gleich griffbereit. Ein erster Schritt aus dem Chaos heraus, das sich vor lauter Beschäftigung mit den verschiedenen Symbolen in den letzten Monaten ausgebildet hatte.

Entweihnachtet

Das Abschmücken des Weihnachtsbaums hat etwas Meditatives und ist fast genauso schön, wenn auch anders, als das Schmücken. Ich ließ mir heute deshalb die nötige Zeit. Die ist abgesehen von dem Erlebniswert auch notwendig, sollen die unterschiedlichen Arten von Schmuck auch im nächsten Jahr noch heil sein, und vor allem auffindbar sein. Problematischer als das Verstauen der Strohsterne, Glasanhänger, Metallaccessoires, Holzmännchen und Samtherzen- und -sternen ist zweifellos das Einpacken der Lichterketten, gleich drei an der Zahl, die mit ihren Kerzenklemmen und den vielen Drähten nur mit Mühe in die ursprüngliche Box zu bringen sind. Das gleiche hat sich an dem Balkonbaum mit seinen zwei ellenlangen Lichterketten wiederholt. Außer in meinem Arbeitszimmer ist nun die Wohnung ziemlich ,,entweihnachtet”, wenn ich das mal so ausdrücken darf. Auch die vielen Weihnachtsgestecke, -sträuße, die Krippe und die gescheiterten Barbarazweige sind bereits entfernt. Meine beginnende Sammlung von Weihnachtsbaum-Symbolen will ich dagegen noch eine Weile auf mich wirken lassen, bevor sie in einer eigens dafür vorgesehenen Kiste bis zur diesjährigen Adventszeit verschwinden.

Die erweiterte Wahrnehmung

Nach der intensiven Beschäftigung mit den vielen technischen Fragen freue ich mich auch wieder auf die inhaltliche Arbeit an meinem Lieblingsthema, der Symbolik der Bäume. Unendlich viel gibt es noch zu erforschen, zu rekonstruieren und auszuformulieren. So viel, dass ein Menschenleben dazu vermutlich nicht ausreicht. Zumal Jahrhunderte voller einschlägiger Literatur sich angesammelt haben, die allerdings größtenteils gar nicht mehr zugänglich oder für Zeitgenossen kaum noch lesbar ist. Wie zu allen Zeiten geht es darum, das ansprechende zu sichten und in eine zeitgemäße Sprache zu ,,übersetzen”. Dabei fließt aber immer auch viel Individuelles ein, eben die eigene Wirklichkeitskonstruktion. Immerhin, die langjährige Arbeit an diesem Thema hat meine Wahrnehmungsfähigkeit, meine Sachkenntnis und vor allem das Spektrum der Wahrnehmung erheblich erweitert. Natürlich gehört alles dazu: Die Beobachtung und das Wandern in der Landschaft, das Lesen fremder Gedanken über Bäume, das Fotografieren und künstlerische Verarbeiten, das eigene Texten und Gestalten. Alles zusammen ergibt einen Gewinn, den ich nicht mehr missen möchte.

Wann kommt der Frühling?

Es ist schade, am Wochenende werden wir den Weihnachtsbaum abschmücken (so heißt es in den vielen Presseberichten, die über die Sammelstellen für Weihnachtsbäume informieren, und nicht ent-schmücken, der richtige Ausdruck wollte mir vor einigen Tagen nicht einfallen). Denn morgen ist schon der Tag der Heiligen Drei Könige. Für uns traditionell das symbolische Ende der Weihnachtszeit. Danach wird uns das Weihnachtsgebäck noch eine Weile an diese schöne Zeit erinnern und die unvermeidliche Alltagshektik so lange wüten, bis man merkt: Jetzt ist wieder Frühling. Der hat auch seine Vorzüge, zumal dann endlich wieder das Grün sichtbar wird, sich Blätter und Blüten zu ganz unterschiedlichen Zeitpunkten entfalten und gleichzeitig die Temperaturen wieder ansteigen. Und mit denen wächst dann wieder die zurzeit wirklich brach liegende Lust, sich länger im Freien aufzuhalten, um dieses ganz besondere Licht und die ganz eigentümliche Frühlingsatmosphäre aufzunehmen.

Nach Weihnachten ist vor Weihnachten

Ich kann mich jetzt schon auf ein Weihnachtsgeschenk freuen: Bei einem Besuch in S. habe ich einen wunderbaren aus emailliertem Metall und Glas-Kristallen bestehenden Weihnachtsbaum entdeckt und M. gleich als Weihnachtsgeschenk 2006 empfohlen. Auf dem Rückweg bin ich dann auch noch auf einen Swarovski-Laden gestoßen und habe mir den kleinen Weihnachtsbaum-Anhänger gesichert. Der grüne Weihnachtsbaum-Pin war leider nicht mehr vorrätig, ich hoffe also, ihn auf anderem Wege besorgen zu können. Na ja, das war noch mal so eine weihnachtliche Reminiszenz, bevor der Rest-Winter, das Schmuddel-Wetter und der hoffentlich bald erblühende Frühling die letzten Reste der Weihnachtsatmosphäre werden verblasen haben.

Flackerbaum-Atmosphäre

Flackerbaum-Lämpchen

Die neuen Flackerbaum-Windlichter von J. schaffen auch 10 Tage nach Weihnachten noch eine zur Stimmung und Witterung passende Atmosphäre. Auch wenn die Tannenbäumchen sehr stark stilisiert und geometrisch streng gefasst sind, entwickeln sie doch durch die flackernde Flamme und immer wieder faszinierende Lebendigkeit. Das Prinzip dieser Art von Windlicht ist ihr Aufbau mit zwei Wänden. Die innere bildet eine Schablone für das Licht der Teelichtflamme im Zentrum, welches auf die matt-transparente Außenwand fällt und die Konturen der Baummotive in unregelmäßige Bewegungen versetzt. Schade, man kann das im Foto leider nicht festhalten.

Flackerbaum-Lämpchen

Bäume machen Arbeit

Jetzt kommt bald die richtige Zeit zum Zurückschneiden der Bäume. V. fiel das bei den 50 Jahre alten Apfel-, Birnen- und Zwetschgenbäumen in den vergangenen Jahren recht schwer, da die Bäume immer höher und die Äste immer stärker werden. Notwendig ist es, weil die Obsternte anders kaum noch zu machen ist und die Früchte im Übrigen einfach zu klein werden. So fällt bei der jährlichen Schnittaktion regelmäßig eine LKW-Ladung von Ästen an, die wir dann zu zwei großen Haufen auftürmen und vor Ort verbrennen. Um die Schneidearbeiten selbst komfortabler zu gestalten hat V. heute eine Astschnitt-Kettensäge von Stihl gekauft, das stärkste Modell, was sich bei diesen Bäumen einfach anbietet. Obwohl das Gerät selber ziemlich schwer ist, besonders wenn es auf seine vollen 4 Meter Länge ausgefahren ist, wird es die Arbeit doch sehr erleichtern. Bei der heutigen Kaufaktion hatte ich nebenbei Gelegenheit, mich über die neuesten Techniken in Sachen Kettensägen zu informieren und meine schon angestaubten Kenntnisse in diesem Bereich etwas aufzufrischen.

Neujahr mit schönem Baumschmuck

Er war irgendwie schläfrig, der erste Tag des neuen Jahres. Wir haben heute erstmals den schönen Weihnachtsschmuck in der Dorfkirche gesehen, denn an Weihnachten waren wir ja bei J. in G. Zwei sehr schöne Christbäume im Altarraum und seitlich die altbekannte große Krippe mit den bestimmt 50 cm hohen Figuren. Die Frau des Küsters hat sich enorm viel Mühe gegeben. Alle Bäume, auch im Bereich der Krippe, waren mit Anhängern in der Form von Sternen und stilisierten Bäumchen geschmückt. Das besondere daran: Die Formen waren aus Bienenwachstafeln herausgestanzt. Und es waren sehr viele, muss also ein großer Aufwand gewesen sein. Ich finde es schön, dass es Menschen gibt, die auch ohne das große Honorar ihre Kreativität für so einen schönen Zweck einbringen. Zumal diese vielen Kleinigkeiten, die in der Summe sehr beachtlich sind, die Atmosphäre auch des Gottesdienstes sehr stark beeinflussen.

Der letzte Tag – na und?

Silvester hatte für mich noch nie die große Bedeutung. Sicher, das Jahr geht zu Ende, aber das scheint mir eine eher beiläufige Angelegenheit, ein Ordnungskonstrukt ohne Inhalt. Jedenfalls für mich. Ich weiß, es gibt viele, die es selbstverständlich und angebracht finden, am letzten Tag des Jahres besonders lustig und gesellig zu sein. Vielleicht kommt gerade daher meine Asympathie. Solche Erwartungen wollte und konnte ich noch nie erfüllen, und daran hat sich bis heute nichts geändert. V. hat an Neujahr Geburtstag. Allein deswegen ist das Aufbleiben natürlich ein Muss. Es wird wieder sehr intim und ruhig bei uns sein. Und das ist gut so. Heute habe ich die Grundsteine für ein neues Web-Projekt gelegt. Eines, aus dem deutlich werden soll, dass es außer den Bäumen noch andere Themen in meinem Leben gibt. Ich freue mich auf die sicher spannende und herausfordernde Arbeit daran.

Alles Gute

Das Jahr neigt sich dem Ende, ohne dass ich so etwas wie Wechselstimmung wahrnehme. Im Gegenteil habe ich mich in den letzten Tagen eher zurückgezogen und bin nur zu kurzen Spaziergängen draußen gewesen. Mit scheint, das ist eher eine meditative Zeit, in der man besser das große Weltgeschehen bei Seite lässt. Zu sich selber findet. Wann könnte die Gelegenheit günstiger sein als in diesen Tagen? Habe mich doch noch kurz entschlossen und ein Animation zum Jahreswechsel entworfen. ,,Alles Gute”, das kann ich allen Wunschbaumbesuchern zum neuen Jahr wünschen. Konkreter kann und will ich nicht werden. Viel wichtiger ist mir, dass sich die vielen Wünsche der Menschen entfalten können. Und wenn ich mit der Seite einen kleinen Artikulations-Beitrag dazu leisten kann, erfüllt sie voll und ganz ihren Sinn.

Persönliches Baumtagebuch von Bernhard Lux: Täglich begegne ich den Bäumen auf vielfältigen Wegen. An ihrem jeweiligen Standort in der Natur, in der Lektüre von Baum- und anderer Literatur, in der alltäglichen Reflexion, der handwerklichen Arbeit und im Gespräch mit der Familie oder Freunden und Kollegen. Es ist mir ein Bedürfnis, diese themenbezogenen Beobachtungen, Interaktionen und Kommunikationen in Form des Baumtagebuchs zu dokumentieren. Seit dem 20. November 2004 habe ich keinen einzigen Tag ausgelassen – ein Zeichen dafür, dass das Baumthema und der Baum als Archetypus tatsächlich im Alltagsleben verankert ist und vielfältige inhaltliche Assoziationen ermöglicht. So mag dieses Baumtagebuch jeden seiner Leser/innen auf die Spur einer je eigenen Beziehung zu den Bäumen führen.