Katastrophen und Charakterbilder

Das Thema beschäftigt mich zurzeit sehr, denn ich bin gezwungen, nicht nur blind zu erleben und geschehen zu lassen, sondern versuche, das Erlebte auch schriftlich festzuhalten. Eine Art Protokoll der vergangenen 5 Wochen und der sich überschlagenden Ereignisse. Fast wie ein Krimi liest sich das, oder wird es sich lesen lassen, wenn wir denn endlich einmal damit fertig sind. Und Aufschluss wird es geben über einen irgendwie interessanten Lebensabschnitt. Wenn ich nicht schon 38 Jahre wäre, würde ich an dieser Stelle sagen: Die letzten Wochen haben mich erwachsen gemacht. Möglicherweise konnten sie mir mehr vermitteln als die gesamten 10 Berufsjahre zuvor. Am Abend fand sich ein geübter Zuhörer für meine Geschichte, und von diesem Thema der Schwierigkeiten und Katastrophen kam das Gespräch wie zufällig auf die Bäume. Erst auf den Nussbaum, der als Identifizierungsmarke eines bestimmten Wohnhauses diente, und später auf die Hainbuche, die sich als Lebensbaum des Versicherungsvertreters herausstellte, dessen Interesse an charakterlichen Zuordnungen ich von einem Gespräch über Sternzeichen und deren Charakterbilder ableiten konnte.

Kollektives Gedächtnis und Bäume

Der Gedanke eines kollektiven Gedächtnisses ist schon faszinierend. Demnach fließen alle Erfahrungen und Beobachtungen dieser Welt in eine Art gemeinsamen Wissensschatz ein und beeinflussen das Leben aller Menschen. Vergangenheit und Gegenwart hängen somit eng zusammen. Nichts von dem, was geschehen ist, ist wirklich vergessen. Es bildet meist unbewusst einen Hintergrund jeder auch noch so individuellen Erfahrung. Und dann gibt es ja auch das Modell der Akasha-Chronik, einer Art Aufzeichnung alles je Gedachten und Geschehenen, wenn ich den Begriff richtig definiere. Auch meine gegenwärtigen, ganz unglaublichen Erfahrungen gehen in diese Chronik ein, auch ohne dass ich die Einzelheiten schriftlich festhalte. Ich bin überzeugt, die Bäume gehören zu den ganz großen Speichern von Erfahrungen und Eindrücken. Dieser Umstand scheint mir einer der Gründe für die Ehrfurcht zu sein, die Menschen besonders alten Baumindividuen entgegen bringen. Bäume wissen mehr als die Menschen, vor allem aber mehr als einzelne Menschen und sie speichern dieses Wissen länger als die meisten Menschen. Bei der Gelegenheit fällt mir ein, irgendwo gelesen zu haben, dass das Wort ,,Holz” etymologisch mit dem indogermanischen Wortstamm zusammen hängt, der mit dem Begriff ,,Wissen” in Verbindung steht.

Neue Themen

Ich weiß selber, dass die Wunschbaum-Seite noch endlos viele Erweiterungsmöglichkeiten hat. A. meinte heute nach dem Gespräch mit einem Bekannten, er fände es sinnvoll, das Danken neben dem Wünschen interaktiv auf der Seite erfahrbar zu machen. Ich bin mir da nicht sicher, bin der Ansicht, dass das Wünschen offener ist, und im Übrigen für die meisten Leser auch interessanter als Danksagungen, die immer auch etwas sehr Individuelles und nicht Übertragbares an sich haben. Die andere Anregung kann ich mir da schon eher vorstellen: Eine Seite einzurichten, auf der die Verwendung des Baum-Motivs und des Baum-Symbols in der bildenden Kunst vorgestellt wird. Auf Literatur zu diesem Thema habe ich ja bereits hingewiesen. Fehlt nur noch die Zeit, mich dem Thema zu widmen, wie auch vielen anderen Themen, die ich im Hinterkopf gespeichert habe.

Anstrengend und beruhigend

Am Vormittag war ich überrascht, nach tagelangem Suddelwetter waren die Temperaturen sehr angenehm, das ließ hoffen. Dann gegen 14 Uhr der Umbruch, Gewitter, Dauerregen, Wind und deutlich kühler. Da war ich ganz froh, diese Handwerksarbeit vor mir zu haben, das stundenlange Sägen, Bohren und Schleifen hat zwar auch etwas Anstrengendes, im Großen und Ganzen wirkt es aber sehr beruhigend und lässt die Möglichkeit, einmal vom Alltag Abstand zu gewinnen. Und so sind die beiden Armbänder auch fertig geworden, obwohl ich dachte, es hat gar kein Ende mehr. Der Bergahorn ist wahnsinnig spröde und hart. Schon gestern beim Drechseln habe ich das bemerkt, da ich den Stab extrem fest einspannen musste, sollte er nicht durchdrehen. Und beim Schleifen zeigt sich diese Eigenschaft ebenso. Hoffentlich ist wenigstens das Ergebnis optisch ansprechend. Ohne Öl ist das Holz sehr hell, mit wenig Zeichnung und – ehrlich gesagt – etwas langweilig. Vielleicht ändert sich das, ist es erst einmal durchtränkt. Der Auftrag war in jedem Fall interessant: Es waren zwei Armbänder aus dem selben Holz für Mutter und Kind. Ich werde es so machen, dass die Mutter ein vollständiges Armband mit 23 Perlen erhält und das Baby eines mit nur wenigen Perlen, wobei die restlichen dazugelegt werden und in späteren Lebensjahren ergänzt werden können. Jedenfalls wenn das heutige Baby später überhaupt Interesse haben sollte, das Armband zu tragen.

Unverhoffter Pflaumenkuchen

Da habe ich doch unverhofft eine Tüte mit Zwetschgen abgestaubt. Ganz ohne mein Zutun, denn eigentlich hatte Herr B. sie Frau M. mitgebracht. Diese aber hat mir die Hälfte abgegeben. Fand ich sehr nett, wenn ich auch nicht sicher war, ob M. Lust und Zeit haben würde, einen Kuchen davon zu backen. Wie es scheint, wird sie es morgen angehen, mit Pflaumen übrigens, wie sie meint, der Unterschied zwischen Zwetschgen und Pflaumen ist mir allerdings überhaupt nicht klar. Diese hier sind ziemlich dick, vielleicht ist es das, dicker als unsere eigenen, die in diesem Jahr ausfallen, da die Blüten von undefinierbaren Insekten zerfressen wurden. Ich kann nur hoffen, dass das Wochenende eine gewisse Entspannung bringt, mit Handwerksarbeit, Pflaumenkuchen und vielleicht einigen Spaziergängen.

Kein Auge

Ein recht aufregender Tag, da ich zum ersten Mal Gelegenheit hatte, ein Rundfunkstudio von innen zu erleben. Merkwürdigerweise war ich gar nicht besonders aufgeregt, obwohl ich schon seit Jahren kein Live-Interview mehr gegeben habe. Ich wusste einfach, wovon ich rede, und so fiel mir die Sache sehr leicht. Ich glaube, es ist bei den Hörern der Vormittags-Radiosendung auch plastisch rüber gekommen. Das war dann aber auch das einzige Erfreuliche, den restlichen Tag konnte man vergessen, eine Katastrophe nach der anderen. Da bin ich so abgelenkt, dass ich selbst in der Mittagspause kaum noch ein aufmerksames Auge für meine Lieblingsbäume und die wechselnden Bilder meines Lieblingswegs habe. Wann, frage ich mich, hat das einmal ein Ende?

Schmuckstück

Partnerarmband Eibe-Ulme

Eigentlich sehe ich darin weniger das Schmuckstück. Vor allem die inhaltliche Dimension der Holz-Armbänder liegt mir am Herzen, die Bedeutung für den Träger, die immer auch mit der Symbolik der jeweiligen Baum-Art zusammen hängt. Wenn ich aber nun die fertigen Partner-Armbänder aus dem Holz der Eibe und der Ulme vor mir sehe, kommt schon der Gedanke: ein Schmuckgegenstand. Zumal einer, der die Verbundenheit zweier Menschen zum Ausdruck bringt, so ähnlich wie Eheringe, nur dass diese weiter reichende und vielfältigere Konnotationen mit sich tragen. Der Schmuckcharakter geht allein von der Oberfläche aus, lebt von der eigentümlichen Differenz von seidenmatt und kristallin glänzend, von homogen und schillernd gefärbt, von verhältnismäßig nah beieinander liegenden Tönen, die gerade durch diese Nähe besonders raffinierte Wirkung entfalten.

Entspannter Spaziergang

Ein Spaziergang am Abend kann helfen, den Kopf frei zu machen. Besonders wenn er im Laufe des Arbeitstages sich über alle Maßen angefüllt hat. Das hat auch M. erkannt und mich eingeladen, sie zur Saar zu begleiten. Das ging wie immer nicht ohne die Begrüßung und ein kleines Gespräch mit Bekannten ab. Aber das wichtige ist der Gang an sich, dessen Rhythmus man selber bestimmen kann und der etwas Rekapitulierendes hat. Die Schwerpunkte sind bei gemeinsamen Gängen immer unterschiedlich. Ich bemerke vor allem die Bäume und auffallende Muster und Spiegelungen der Landschaft und des Flusses. M. interessiert sich vor allem für die Tiere, von Hunden bis Enten, und natürlich für die Menschen, an denen sie auf keinen Fall vorbei kommt, besonders wenn es sich um Bekannte handelt. In jedem Fall ist der Abendspaziergang anregender und entspannter als ein Spaziergang zu anderen Tageszeiten, die zwangsläufig, mittels dann noch vorhandenem Energieüberschuss, sportlicher und letztlich anstrengender ausfallen.

Abstand

Kaum ein Auge fällt an diesen Werktagen auf die Bäume. Zu abwesend scheine ich während der Mittagspause und am Abend. Zu beschäftigt mit mir selber und den unsäglichen Dingen, die ich zurzeit erlebe. Da fällt der Dialog und der kreative Austausch mit meinen Baum-Mitwesen so schwer, dass ich mit Rücksicht auf diese und meine echte Verbundenheit ihnen gegenüber lieber zeitweise Abstand nehme. Ich wünsche mir an dieser Stelle ausnahmsweise selber etwas: Dass wir alle die Nerven behalten und nicht aus dem Blick verlieren, was in den vergangenen Jahren gutes und kreatives Arbeiten möglich gemacht hat. Das sind wir dem selber Erarbeiteten schuldig. Und den eigenen Potentialen, die ansonsten demontiert zu werden drohen.

What a beautiful day

Ein schöner Tag bei J. und W.. Anders als vorhergesagt war die Witterung sehr angenehm, mit nur wenigen windig-trüben Einschüben. So konnten wir uns gut im Garten aufhalten. Gleich nach der Ankunft haben wir die beiden jungen Ebereschen aufgerichtet. Sie hatten sich allzu sehr zur Seite gebogen, von den schweren Früchten zum Boden gezogen. Und da sie ziemlich in die Vertikale gewachsen waren, reichte die bisherige Stütze nicht mehr aus. Wir haben sie deshalb verlängert und den Bäumen somit die Gelegenheit zurück gegeben, gerade weiter zu wachsen:

Judiths Garten

Der Garten bietet noch weitere Attraktionen, z. B. eine richtige Tanne. Erstmals konnte ich deren aufrecht stehenden Zapfen fotografisch festhalten:

Judiths Garten

Auf dem Hundespaziergang konnte ich endlich die Robinienfrüchte, dort sehr zahlreich anzutreffen, in etwas besserem Licht festhalten:

Robinienfrüchte

Bei den ebenfalls abseits stehenden Mandelbäumen hatte ich dagegen weniger Glück. Und da war noch Js ,,Efeubaum”. Auf der Bank vor dem Haus sitzend habe ich endlich verstanden, was sie in früheren Erzählungen damit meinte: Eine an einem losen Zweig sich entlang schlängelnde Efeuranke, die somit eine Art Kunst-Baum ergibt. Wirklich eine Klasse Idee, die an dem Typischen der Efeupflanze, sich einen Träger zu suchen ansetzt und in dieser Richtung etwas nachhilft:

Efeubaum

Auch in der Nachbarschaft begegnet man dort recht interessanten Gewächsen, seltenen Bäumen, aber auch schönen Blumen-Arrangements. Z. B. diese rotblättrigen Sonnenblumen, die so wunderbar ins hochsommerliche Bild passen:

Sonnenblume

Spannungsreich reizvoll

Sehr angenehm war es heute den ganzen Tag über. Ich habe mich fast pausenlos an meinem mobilen Atelier-Arbeitsplatz hinterm Haus aufgehalten und die Partner-Armbänder aus Eibe-Ulme fertig gestellt. Eine wirklich ungewöhnliche Kombination, die auf den ersten Blick sperrig wirkt. Vielleicht auch, weil die Eibe entlang der Wuchsrichtung verarbeitet wurde, die Ulme dagegen im rechten Winkel zur Wuchsrichtung. Das ergibt ganz unterschiedliche Oberflächenstrukturen und -zeichnungen. Auch ist Eibenholz sehr geschlossen und seidenmatt glänzend, während die Ulme durch einen sehr bewegten, kristallin wirkenden und farbig durchaus variablen Zellaufbau charakterisiert ist. Ich bin sehr gespannt, wie die Hölzer in der alternierenden Anordnung nach dem Ölbad wirken. Es müssen zwei äußerlich, vielleicht auch charakterlich sehr unterschiedliche Menschen sein, die sich diese Partner-Armbänder gewünscht haben. In Form der Armbänder die Verbundenheit auszudrücken und optisch zu verstärken war für mich das Hauptmotiv bei der Entwicklung dieser Produktidee. Insofern sind spannungsreiche Verbindungen besonders reizvoll. Ich denke dann immer: hier sind zwei Menschen, die viel voneinander lernen und zusammen in eine möglicherweise nicht leicht vorhersehbare Zukunft wachsen können.

Kurios

Eines meiner Baum-Foto-Themen sind die Kuriositäten. Davon habe ich schon einige zusammen getragen. Meist hat es mit der Wuchsform der Bäume oder ihrer Symbiose mit anderen Lebewesen zu tun, manchmal aber auch mit kulturellen Überformungen. Ich denke da etwa an den Graffiti-Baum. Nun ist mir auf dem mittäglichen Spaziergang ein Veranstaltungsplakat aufgefallen, welches auf ein Rockkonzert in der Region aufmerksam macht, und kurioserweise als Hintergrund-Motiv einen kräftigen grünenden Baum abbildet. Auf den ersten Blick für mich ganz unverständlich, brachte ich es bei genauerem Lesen mit dem Umstand in Verbindung, dass es sich um ein open-air-Konzert handelt: rock om gau. Offenbar sollte der regionale Bezug auf die ländliche Gegend besonders betont werden. Ein Baum als Aufmerksamkeitslenker ist nicht wirklich selten, in diesem Zusammenhang aber doch überraschend. Und deshalb gehört es ab sofort zur Kuriositätensammlung:

Sonnenblume

Nicht fassbar

Manche Motive sind einfach nicht ins rechte Licht zu rücken. Woran liegt das wohl? An der Art, wie sie am Baum platziert sind? Daran, dass ich ihnen grundsätzlich zur falschen Tageszeit begegne? Oder daran, dass sie sich einer Abbildung entziehen und ein Geheimnis um sich verbreiten? Zu diesen Motiven gehören die Früchte der Robinien. Irgendwie liegen sie immer im Halbschatten, lassen sich nicht fokussieren, sind trotz aller Bemühungen kaum darstellbar. Der beste zahlloser Versuche des heutigen Tages ist dieser:

Robinienfrucht

Dabei mag ich sie sehr. Wie auch die Robinien als ganze. Ich glaube, sie wollen mir auf diese Weise zeigen, dass ich noch lange nicht mit ihnen fertig bin. Dass es sich lohnt, wenn ich mich auch künftig darum bemühe, ihre Eigenart zu begreifen. Dass es etwas gibt, was sie verkörpern, für mich derzeit aber noch nicht wahrnehmbar ist.

Besondere Wünsche

Die Sonderwünsche sind in diesem Jahr besonders ausgeprägt. Jeder zweite, der sich für die Lebensbaum-, Wunschbaum- oder Partner-Armbänder interessiert, möchte etwas Abweichendes. Vor allem in der Kombination verschiedener Hölzer liegt offenbar für viele ein Reiz. Deshalb habe ich jüngst die Partner-Armbänder in verschiedenen Versionen angefertigt, z. B. in Apfelbaum-Kiefer oder jetzt in Eibe-Ulme. Und auch die Wunschbaum-Armbänder werden in Kombinationen gewünscht, z. B. Ölbaum-Tanne, Ölbaum-Hainbuche, und angefragt wurde Walnuss-Eibe und Linde-Ulme. Ich habe wegen dieser häufigen Nachfragen diese Möglichkeit der Kombination mit alternierend angeordneten Perlen deshalb in den Shop integriert. Die Interessenten können somit den Aspekt der Verbundenheit auch an Hand eines einzelnen Armbandes nachvollziehen bzw. die Idee des Partner-Armbandes mit dem des Lebensbaum-Armbandes in Zusammenhang setzen.

Persönliches Baumtagebuch von Bernhard Lux: Täglich begegne ich den Bäumen auf vielfältigen Wegen. An ihrem jeweiligen Standort in der Natur, in der Lektüre von Baum- und anderer Literatur, in der alltäglichen Reflexion, der handwerklichen Arbeit und im Gespräch mit der Familie oder Freunden und Kollegen. Es ist mir ein Bedürfnis, diese themenbezogenen Beobachtungen, Interaktionen und Kommunikationen in Form des Baumtagebuchs zu dokumentieren. Seit dem 20. November 2004 habe ich keinen einzigen Tag ausgelassen – ein Zeichen dafür, dass das Baumthema und der Baum als Archetypus tatsächlich im Alltagsleben verankert ist und vielfältige inhaltliche Assoziationen ermöglicht. So mag dieses Baumtagebuch jeden seiner Leser/innen auf die Spur einer je eigenen Beziehung zu den Bäumen führen.