Ohne Ablenkung

Der junge Ginkgo, den ich erst vor wenigen Tagen geschnitten habe, bog sich heute kräftig im stürmischen Wind. Glücklicherweise ist er sehr biegsam, und so wird wohl nichts passieren. Uns alle hat dieses Sturmwetter wohl überrascht. Und wenn das Wetter selber zum Gegenstand von Nachrichten wird, dann nimmt es schon in einen außergewöhnlichen Verlauf. Wir haben uns dabei eingeigelt und bewegen uns kaum vor die Haustür. Immerhin die nervende Korrekturarbeit an meinem aktuellen Programmcode habe ich heute weitgehend abschließen können. Manchmal ist es eben von Vorteil, wenn die Attraktionen von Außen fehlen. Dann kann man sich ganz auf die jeweilige Arbeit konzentrieren.

Variationsbreite der Hölzer

Da haben wir uns schon insgeheim auf den Frühling gefreut, und jetzt dieses miese, stürmische Regenwetter. Bis zum Wochenende soll es so weitergehen. Immerhin, die wieder einmal von technischen Problemen dominierte Woche wird mit handwerklicher Arbeit ihren Abschluss finden. Die Stäbe habe ich schon gedreht. Diesmal habe ich neues Material aus einem großen Abschnitt der Pappel gewonnen, die wir vor 2-3 Jahren zerteilt haben. Ich glaube, dieses ist etwas rötlicher, was einmal eine Abwechslung zu der sehr weißen Variante darstellt, die ich bisher verwendet habe. Es ist schön, dass die Hölzer in einer solchen Variationsbreite erscheinen, denn so lässt sich immer wieder Neues in ihnen entdecken. Und das kunsthandwerkliche Schaffen erhält einen zusätzlichen Reiz.

Vergessen

Ein Nachtrag vom 11.03.2008: Gestern habe ich doch tatsächlich vergessen, den Eintrag im Baumtagebuch vorzunehmen. Das ist mir noch nie passiert. Ob das etwas zu bedeuten hat. Jedenfalls macht es keinen Sinn, den Eintrag verspätet nachzutragen. Offenbar war ich gestern von den Bäumen weit entfernt.

Wachstumsschübe

Js und Ws Garten wirkt nun heller. Das liegt daran, dass die Nachbarn Ihren Eibenbaum kräftig zurückgeschnitten haben. Gut so, denn dieser Baum hatte zuvor jede Menge Licht geschluckt, das nun den beiden Ebereschen, echten Lichtbäumen, zugute kommen wird. Und da wir diese vor einigen Monaten sauber geschnitten und neue gerichtet haben, rechne ich mit einem kräftigen Wachstumsschub in diesem Frühjahr und Sommer. Auch die anderen dort neue gepflanzten Bäume und Sträucher: Der Pflaumenbaum und der Kirschbaum, die Jostahecken und die kleine Edelkastanie im Vorgarten haben nun die Gelegenheit, sich zu kräftigen, um sich bald zu stattlichen Symbol- und Wohlfühlbäumen zu entwickeln. Ob in Rheinland-Pfalz oder bei uns hier, ich wünsche mir einen frühen und langen Frühling und einen warmen und stabilen Sommer, der die uns umgebende Natur zum Blühen und Wachsen einlädt, und uns Menschen zu Aktivität und Entwicklung im Einklang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen.

Baumschnitte

Nun war es also so weit. Feigenbaum und Ginkgo sind nun geschnitten. Von mir aus hätte ich noch ein wenig gewartet, da es doch noch häufiger Minustemperaturen gab. Aber V. ließ mir mit der Sache keine Ruhe, und so habe ich den Job heute eben erledigt. Da die beiden Bäume noch jung sind, haben wir die Schnittstellen mit Baumwundbalsam bestrichen. So beugen wir einem eventuellen Verdunsten und Ausbluten an diesen Stellen vor. Der Ginkgo hat jetzt nur noch einen Haupt- und einen Nebentrieb. Ich rechne damit, dass er dieses Jahr wieder stark an Höhe zulegen wird. Dann wird sich die erste Astverzweigung erst so etwa in Kopfhöhe darstellen, beste Voraussetzung dafür, dass der Baum nicht im Schatten seiner Nachbarn verkümmern, sondern zielstrebig gen Himmel sich entwickeln wird. Ich hoffe, er wird riesengroß. Allein schon, damit ich die Entwicklung von diesem dürren und jahrelang sich kaum bewegenden Winzling zu einem Riesen miterleben kann. Der Schnitt des Feigenbaums dagegen ist vergleichsweise moderat ausgefallen. Das war ein Kompromiss, denn der Baum muss genügend Licht tanken, um seine Früchte während des Sommers ausbilden zu können. Deshalb konnte wir die Höhe nicht zu sehr reduzieren, der Lichttrieb wird ihn sonst zu viel Kraft kosten. Andererseits war ein Ausdünnen und ein Kappen der oberen etwa 50 Zentimeter notwendig, damit der noch schmächtige Stamm in die breite wachsen und dem Baum mehr Stabilität verleihen kann. Zusammen mit meiner Drechselarbeit also ein recht baumintensiver Tag. Und morgen ist ein Ausflug zu J. und W. angesagt.

Anregende Ebenen des Lernens

Bin zurzeit weit weg von meinen Lieblingsinhalten. Stattdessen halte ich mich in ganz ungewohnten Gefilden auf. Im Nachhinein entdecke ich oft, dass solche Ausflüge und an mich heran getragene Aufträge anregend sein können. Ohne solche Gelegenheiten steht das Denken und kreative Arbeiten immer stark unter Scheuklappenverdacht. Während des Tuns an sich kann man aber dieses Anregende nicht gleich erkennen. Dann ist es zunächst anstrengend, weil die alten Wege nicht tragen und echte Kreativität gefordert ist. Ich bin dankbar für diese Ebenen des Lernens und hoffe, mich so inhaltlich wie sozial-kommunikativ weiter zu entwickeln. Auch meine immer hintergründig mitlaufende Beschäftigung mit den symbolischen Seiten unserer Naturwahrnehmung wird davon profitieren.

Gleichgewichtseinsichten

Nun also der erste Tag ohne Ofen. Dafür wird der Öltankvorrat wieder stärker beansprucht. Wollen wir hoffen, der Winter liegt bald hinter uns, die Tage werden spürbar länger, es bleibt wieder mehr Zeit für Spaziergänge und Beobachtungen. Für das Genießen der natürlichen Umgebung und der landschaftlichen Reize, allen voran der Bäume. Die inhaltliche Arbeit am Thema soll ebenfalls nicht zu kurz kommen. All das wird der geschäftlichen Arbeit zu Gute kommen. Denn immer deutlicher wird mir die alte Einsicht, dass ein Gleichgewicht unterschiedlicher Perspektiven, Tätigkeiten und Einstellungen der Qualität des Einzelnen förderlich ist und die Einmaligkeit und Entwicklungsfähigkeit des Einzelnen stärker hervortreten lässt.

Stopfei

M. hatte sich vor einigen Tagen schon ein neues Stopfei gewünscht. Das alte, vor Jahren einmal hergestellte, war nicht sehr hilfreich, da es kugelförmig und mit seiner vielleicht Taubeneigröße einfach zu klein ausgefallen war. Ein neues, das V. spontan vor einigen Tagen gedrechselt hatte, war dagegen riesig ausgefallen und erst recht nicht zu gebrauchen. Beim dritten Anlauf heute hat es dann endlich funktioniert, eine perfekte Eiform, etwas größer als ein Hühnerei. Mein erster Tipp bezüglich der verwendeten Holzart lag knapp daneben. Es sah tatsächlich aus wie Zwetschgenbaumholz, mit seiner violetten Ader und der gelblich-bräunlichen, leicht kristallin wirkenden Oberfläche. Tatsächlich war es aber Apfelbaum, wobei er allerdings ein Wurzelstück verwendet hat, das eine andere als die für diese Art typischen Färbung und Struktur aufwies. Ohnehin sind sich alle heimischen Obsthölzer bezüglich ihrer Zeichnung und Mikrostruktur sehr ähnlich. Apfel-Birne-Zwetschge-Kirschbaum liegen auf einer optischen Linie. Die Unterschiede kommen meist erst bei größeren Abschnitten und nach feinem Oberflächenschliff zum Vorschein. Warm wirken sie alle, Mitglieder einer Familie, die wie in allen Familien Unterschiede mit Gemeinsamkeiten vereinen.

Jederzeit mit allem rechnen

Die kreative Arbeit trägt doch immer wieder Früchte. Das ist gut, besonders an so trüben Tagen wie diesem, die das Nahen des Frühlings in weite Ferne zu rücken scheinen. Dann ist das Konstruieren und Tüfteln am Detail genau die richtige Beschäftigung. Und dann ist diese Beschäftigung, schon aus Mangel an Alternativen, auch intensiv und konzentriert. Wenn ich diese Zeit des Jahres mit den Vorjahren vergleiche, dann müsste jetzt eigentlich eine Flautephase eintreten, insbesondere im Bereich der kunsthandwerklichen Arbeit mit den unterschiedlichsten Hölzern. Erste Anzeichen davon glaube ich festzustellen. Aber genauso groß ist meine Lust an Überraschungen und Veränderungen. So kann gerne eine meiner Lebensweisheiten greifen, die da heißt: Man muss jederzeit mit allem rechnen. Das ist zwar selbstironisch gefärbt, taugt aber nichtsdestotrotz hervorragend als Alltagseinstellung.

Frühlingsstimmung

Sieht so aus, als ob heute der letzte Holzofentag des Winters ist. Ich habe V. dazu animiert, auch noch die letzten Reste der vor einigen Wochen produzierten Sägereste zu verfeuern. Wenn man die Apfelbaumscheite mit dem abgelagerten Buchenholz mischt, brennt es auch. Es muss nur genug Hitze entstehen. Auch wenn M. sich wohl mit dem Aussehen unseres Holzlagerschuppens nie zufrieden geben wird, erfüllt er seinen Dienst doch in sehr praktischer Weise, so direkt hinterm Haus, bei jedem Wetter leicht zugänglich. Nun ist aber auch gut, nach zwei Monaten Dauerofenhitze. Jetzt noch ein paar kühle Tage, und dann kann der Frühling kommen. Er wird uns und den Bäumen gut tun. Aufbruchstimmung und so.

Erhellende Denkwelten

Die Texte Rudolf Steiners berühren mich immer wieder sehr. Ich kenne kaum einen Denker, der seine Vorstellungen in einer so dichten und oft überraschend erhellenden Weise darzustellen in der Lage ist. Am erstaunlichsten ist dabei die Fülle und Breite von Themen, denen er sich in seinen Schriften und Vorträgen gewidmet hat, und die ungeheueren Einflüsse und Auswirkungen, die seine Arbeit und sein hinterlassenes Werk auf andere und ihre Initiativen nach seinem Tode hatte und nach wie vor hat. Der Text, den ich heute gelesen habe, bezog sich auf die Entwicklung der Seele beim Menschen und die Erklärung seelischer Störungen oder Unterentwicklungen. Die Erkenntnisse, die man aus Steiners Darstellungen gewinnen kann, wirken auf mich ungeheuer modern und selbst heute noch zukunftsweisend. Man darf sich eben nicht von der eher antiquiert und manchmal sperrig wirkenden Ausdrucksweise Steiners abschrecken lassen. Wenn man sich auf den Inhalt und die meist sehr präzise Argumentation einlässt, stellen sich regelmäßig Aha-Effekte ein. Vor allem überrascht man sich selber dabei, wie man die Dinge plötzlich in einem ganz neuen, bisher nicht gedachten Licht betrachtet. Das empfinde ich als sehr bereichernd. Vielleicht finde ich ja auch noch Schriften, die das Naturverhältnis der Menschen oder gar die Bäume thematisieren. Das würde mich in der Denkart Steiners besonders interessieren.

Unfassbare Weide

Der Gang am Fluss wirkt in diesen Tagen fast gespenstisch. Die stürmische Witterung und die beschleunigte Oberflächenströmung in Folge der heftigen Regenfälle -Treibgut mit sich führend, tragen wohl zu diesem Eindruck bei. Aber auch die Nässe, die diesige Aussicht und – nicht zuletzt – die zahlreichen Weidenstümpfe am Flussrand. Tatsächlich wurden sämtliche Weiden, unabhängig von Alter und Größe, radikal am Stumpf kurz über dem Boden abgesägt. Darunter sind auch Exemplare mit sehr starken Stämmen und sehr viele Weidenbüsche mit vielen kleinen Stämmen. Natürlich sind sie in der Lage, sich zu regenerieren und aus dem Stock auszuschlagen. Aber diese Maßnahme war eben nicht Ausdruck einer Wertschätzung der Weiden und ihrer reichen Symbolik, sondern einfach nur eine Arbeitserleichterung. So hat man eine ganze Weile seine Ruhe und der nächste Durchgang wird erst in schätzungsweise fünf Jahren wieder nötig sein. Für mich verbindet sich mit den Weiden ein ganzes Spektrum an Assoziationen und Implikationen. In die Kategorie der Nutzhölzer wird sie wohl niemand einreihen. Tatsächlich sind sie zu fast gar nichts zu gebrauchen. Selbst der Holzofen stöhnt bei der Beimischung von Weidenholz, was eigentlich nur verglimmt und nicht wirklich brennt. Für kunsthandwerkliche Dinge ist es gar nicht zu gebrauchen und auch in der Möbelindustrie wird es nicht verwendet. Selbst die Perlen für Lebensbaum-Armbänder sind sehr mühsam herzustellen, was vor allem mit der faserigen Mikrostruktur des Holzes zu tun hat, die bei noch so sorgfältiger Überarbeitung und extrem feinem Schliff vor späterem Aufrauen nicht gefeit ist. Dabei ist das Holz sehr schön, changiert farblich zwischen Weiß und gelb-rötlich, in Teilen sogar braun. In Öl getränkt lässt es die symbolische Stärke und energetische Ausstrahlung der Weide als Baum erahnen. Der lebende Baum, ob ausgewachsen, blühend oder laubbtragend – oder als Stumpf, auf seinen Wurzelstock reduziert – gehört für mich zu den berührendsten Baum-Individuen überhaupt. Er verkörpert die Differenz-Einheit von Leben und Tot, Hoffnung und Resignation, Aufbruch und Abschied. Ohne Gedanken dieser Art kann ich keine Weide passieren. Und je nach Jahreszeit trägt sie auf diesem symbolischen Grundgerüst noch eine ganze Reihe weiterer Reize zu Tage: ihre flaumigen männlichen Blütenkätzchen, ihr silbriges Laub, ihre silbrig glatte oder bei älteren furchig aufgebrochene Borke. Ihre buschige Wuchsform, ihre Affinität und Freundschaft mit dem Wasser, und Verbindung zum Fließenden. Die Weide ist unfassbar, und gerade das macht ihre Faszination aus.

Katzenholz

Das letzte ,,Katzenholz“ hat V. heute verbrannt. Gemeint sind die unteren Schichten des Brennholzhaufens, den wir in den letzten beiden Wintern nicht genutzt hatten. Dort hatte sich in dieser Zeit ein El Dorado für Mäuse und Katzen entwickelt. Entsprechend viel Dreck ist in diesem Bereich angefallen. Am meisten ist M. darüber erfreut, dass ab sofort nur noch frisches Holz verbrannt wird und die Mäuse und Ratten keinen Unterschlupf mehr finden. Die Theorien gingen sehr weit auseinander, woher die Tiere kommen. Die Mutmaßungen reichten vom Unrat der Nachbarn über den besagten Holzhaufen bis zur Kanalisation, die bei uns wohl nicht ideal ausgebaut sein soll. Ich kann das nicht beantworten, bin aber ganz froh, wenn das leidige Thema endlich vom Tisch ist. So werden wir hoffentlich den diesjährigen Sommer ohne ständigen Anblick dieser Holzecke verbringen können. Die Vorräte mit frischem Buchen- und Kiefernholz sind ohnehin leicht später wieder aufgefüllt.

Geschmacksfragen

Die Art, wie V. den Nashi geschnitten hat, stimmt mich wenig zuversichtlich. Weil er einen Narren an diesem seltsamen Gewächs gefressen hat, müssen wir nun akzeptieren, dass der Baum seine noch kleinen Nachbarn ,,Ginkgo“ und ,,Feigenbaum“ im Schatten stehen lässt. Hinzu kommt noch, dass die Zypressenhecke von einer weiteren Seite Schatten wirft. Leider hat er meine schon im vergangenen Jahr geäußerten Bedenken nicht beachtet. Und das bedeutet, dass der Feigenbaum in diesem Jahr wieder riesige Schüsse machen muss, wenn seine Blätter genug Licht aufnehmen wollen für die vielen Früchte. Das wird umso deutlicher, als wir ihn bald kräftig zurückschneiden müssen, um das Dickenwachstum des Stammes anzuregen und ihn stabiler zu machen. Nun ja, das sind eben Geschmacksfragen und Fragen der innerfamiliären Machtverhältnisse. Unter solchen Diskrepanzen muss dann der eine oder andere auch mal leiden.

Persönliches Baumtagebuch von Bernhard Lux: Täglich begegne ich den Bäumen auf vielfältigen Wegen. An ihrem jeweiligen Standort in der Natur, in der Lektüre von Baum- und anderer Literatur, in der alltäglichen Reflexion, der handwerklichen Arbeit und im Gespräch mit der Familie oder Freunden und Kollegen. Es ist mir ein Bedürfnis, diese themenbezogenen Beobachtungen, Interaktionen und Kommunikationen in Form des Baumtagebuchs zu dokumentieren. Seit dem 20. November 2004 habe ich keinen einzigen Tag ausgelassen – ein Zeichen dafür, dass das Baumthema und der Baum als Archetypus tatsächlich im Alltagsleben verankert ist und vielfältige inhaltliche Assoziationen ermöglicht. So mag dieses Baumtagebuch jeden seiner Leser/innen auf die Spur einer je eigenen Beziehung zu den Bäumen führen.