Wundersame Efeusamen

Die Efeusamen, die ich am Wochenende aus den fleischigen schwarzblauen Hüllen gepult und zum Trocknen auf der Fensterbank deponiert habe, fangen schon an, ihre papierartigen Hüllen auszubilden. Im gleichen Maße, wie die in ihnen gespeicherte Feuchtigkeit entweicht, werden die Samen leicht und die Außenhülle entwickelt eine perlmutartgleiche schimmernde Oberfläche. Wie die ganze Pflanze faszinieren mich auch diese Samenkörner in ihrer unwahrscheinlichen Anmutung und ihrer Umwandlung von einem opaken Kern in eine leichte Hülle. In dieser Wandlung spiegelt sich die Vielgestaltigkeit in der Erscheinung und dem Wachstum dieser Kletterpflanze, ganz nach der Erkenntnis ,,Wie im Großen so im Kleinen”. Wer sich unter Efeusamen nichts vorstellen kann, hier eine Aufnahme. In wenigen Wochen werden die kleinen Samen eine fast transparente weißliche Haut besitzen:

Trocknende Efeusamen

Widersprüche

Die Nachrichten berichten ständig vom angeblichen Jobboom und der anhaltend guten Konjunktur. Im Wechsel allerdings mit genau gegenteiligen Mitteilungen über stetig sinkende Reallöhne und den Zuwachs an unsicheren Arbeitsverhältnissen. Letzteres deckt sich eher mit meiner Erfahrung. Es ist geradezu unglaublich, was man aus Statistiken alles machen kann. Gegenwärtig habe ich allerdings den Eindruck, dass Politik und Medien eine Koalition eingegangen sind und sich gegenseitig stützen. Ernst nehmen kann ich die täglich sich selbst widerlegenden Darstellungen jedenfalls nicht mehr. Dahinter muss schon System stecken. Mein reales Leben ist unterdessen von Geduldsproben, zwischenzeitlichen Hoffnungsschimmern und nicht unerheblichen Lernzuwächsen gekennzeichnet. Ich glaube, so viel, und auf unterschiedlichen Ebenen, habe ich zuvor noch nie gelernt. Allein deshalb hat sich der Entschluss zur Selbständigkeit jetzt schon bezahlt gemacht. Und das Potenzial zum Ausbauen meines Projekts sehe ich durchaus. Vielleicht gelingt dann auch das Fernziel einer Konzentration auf Inhalte. Wenn dies möglich sein sollte, kommen auch die Bäume inhaltlich wieder stärker zu ihrem Recht.

Nachgefragter Baumtext

Wenigstens komme ich zwischendurch dazu, ein wenig in meiner neuen Enzyklopädie ,,Wohnen mit Holz” zu blättern, die ganz so neu nicht mehr ist. Tatsächlich stapelt sich bei mir die Baum- und Holzliteratur, ohne dass der Stapel wesentlich abgetragen werden könnte. Aus Zeitmangel, könnte ich sagen, aber natürlich gibt es so was gar nicht, es kommt nur darauf an, was gerade vordringlich erscheint. In diesem Buch werden sogar ganz seltene Hölzer beschrieben, die von Straucharten stammen, mit denen wohl kaum jemand eine wirtschaftliche Verwertung verbindet. Das finde ich besonders spannend, zumal ich selber immer mehr solcher Raritäten zusammentrage, das prominenteste Beispiel von letztem Jahr sind wohl die kleinen Abschnitte des Pfaffenhütchenstrauchs. Und sicherlich werden im Laufe des Jahres neue hinzukommen. Vom Holz zurück zum Baum hat mich ganz überraschend die Anfrage eines Redakteurs der Heidenheimer Zeitung geführt. Er interessierte sich für meinen Text über den Maibaum ( Der Maibaum – Zwischen Himmel und Menschen
), der im Rahmen einer Sonderausgabe zu regionalem Brauchtum Mitte April erscheinen soll. Es ist noch nicht ganz sicher, ob Auszüge des Textes Verwendung finden werden, freuen würde es mich sehr, zumal der Text in der Vergangenheit schon einige Liebhaber gefunden hat. So hat mich heute einmal wieder die Symbolik der Bäume eingeholt und mich daran erinnert, dass ich den verlorenen Faden meiner Beschäftigung mit dem Lebensbaumbegriff endlich wieder aufnehmen sollte.

Ausflug in den Efeuwald

Das Licht dieses Tages war genau richtig für einen Besuch im Efeu-Märchenwald, wie ich einmal nennen mag. Andere, denen ich den Weg erklärt habe, durften diese schöne Oase heute erstmals erleben, aber wie immer war er keineswegs übervölkert. Nur wenige Spaziergänger waren meist aus der Ferne nur zu entdecken. Das macht den Gang umso entspannter und den kleinen Ausflug umso erholsamer. Diese Bilder markieren einige Stationen des Weges:

Efeuwald im März

Efeuwald im März

Efeuwald im März

Totholzbruch

Flechten

Silberbäume

Vogelhaus an starker Buche

Schwierige Holzarbeiten

Es war ganz schön schwierig, aus den sehr stark geschwundenen und ohnehin sehr schmalen kleinen Abschnitten des Feigenbaums genügend Material zu gewinnen. Beim Drechseln hat sich dann zudem herausgestellt, dass einige der Stäbe innen rissig oder mit Einschlüssen versehen waren. Bei einem trat die weißliche Markröhre an die Oberfläche. Schlechte Voraussetzungen, um gleichmäßig starke Stäbe herzustellen und später gleichmäßig dicke Perlen zu erhalten. Jedenfalls habe ich auch die kleinsten Teile verarbeitet und hoffe nun, dass es insgesamt für das Armband ausreicht. Wenn man bedenkt, mit welchem Aufwand die Gewinnung dieser winzigen Teilchen bis jetzt schon verbunden war, müsste das Band eigentlich unbezahlbar sein. Aber die Idee, die von Seiten der Kundin damit verbunden ist, finde ich eben sehr schlüssig, deshalb macht mir die Arbeit an diesem Projekt viel Freude. Die Kanteln für die Weidenbänder habe ich auch schon vorbereitet. Ich denke, im Laufe des Aprils werde ich alles abschließen und ein Päckchen in Richtung Schweiz schicken können.

Eher unspektakulär

Ein unauffälliger Freitag, der ein eher unspektakuläres Wochenende verspricht. Vielleicht werde ich die Stäbe für die diversen Armbänder und Stäbe von Frau R. vorbereiten (Weide und Feigenbaum). Das heißt ein wenig Sägearbeit. Ansonsten möchte ich mich meinen Programmierstudien widmen. Da gibts noch unendlich viel zu entdecken. Aber die Geheimnisse zu lüften hat auch seinen Reiz.

Erste Baumproduktion

Die ersten Sprosse unserer Baumsamen haben sich schon gezeigt. Ich kann allerdings nicht sagen, ob es sich um kleine Gleditschien handelt oder um Efeu. Diese beiden Arten hatte ich V. vor etwa einer Woche zum Einpflanzen in Torfbällchen überlassen, da ich sehen wollte, ob aus diesen Samen etwas werden kann. Nun bin ich sehr gespannt, ob sich daraus tatsächlich richtige kleine Bäumchen entwickeln. Es wäre mein erstes Projekt dieser Art. Bisher hatte ich mich auf diesem Gebiet noch gar nicht betätigt. Aber es ist gut, wenn mein Spektrum in Sachen Baumbeobachtung wieder um eine Facette reicher wird. Bis dahin waren mir nämlich Baumpflanzaktionen weniger vertraut und ich konnte damit auch nicht so viel anfangen. Mich im Kleinen auf diese spielerische Weise dem Thema zu nähern, ist wahrscheinlich genau das Richtige für mich.

Symbol des Lebens

Mein Makrofoto mit den Jahresringen eines Kiefernstammes, das beim ersten Versuch vor einigen Monaten abgelehnt wurde, ist heute schon zum vierten Mal, und dann auch noch in der XL-Version heruntergeladen worden – 10 Credits, super. Von derselben Agentur, die zwei Wochen zuvor bereits dasselbe Motiv in S erworben hat. Das bestätigt mir einmal mehr, dass ich einen ganz guten Blick für aussichtsreiche Motive habe. Und ich bin sicher, dieses Motiv wird noch weitere Interessenten finden. Das ist ein Grund, warum ich im Sommer, wenn das handwerkliche Arbeiten draußen wieder mehr Freude macht, eine ganze Serie von Stammquerschnitten planschleifen und fotografieren möchte. Bei unterschiedlichen Arten wird das Ergebnis eine recht breite Variationenpalette offenbaren. Die Aussicht, dass es unter den Stichworten ,,Baum”, ,,Jahresringe” oder ,,Lebensalter” gefunden wird, ist recht hoch. Es ist eben ein sehr schlüssiges Symbol des Lebens.

Frühling und kreatives Schaffen

Feigenbaum und Co müssen sich dieser Tage warm anziehen. Ich hoffe, die schon vereinzelt zu sehenden frischen Knospen werden die Frosttemperaturen überleben und die Bäume können mit dem einsetzenden Frühling gleich ihr Wachstum fortsetzen. Dann geht es nicht nur ihnen besser, auch die Menschen werden die zwischenzeitlich nur kurz aufflackernde Aufbruchstimmung der Natur genießen und in eigene Aktivität übersetzen können. Ich freue mich jedenfalls auf alles, was dies an Kreativität in mir hervorzulocken im Stande ist.

Feiertage befördern kulturellen Sinn

Ich bin sehr froh, dass es Feiertage gibt. Und dass sie in Deutschland noch nicht der ökonomisierenden Denkart zum Opfer gefallen sind. Die meisten jedenfalls. Sie bieten unvergleichliche Möglichkeiten, sich kulturelle Traditionen, im religiös-spirituellen Zusammenhang ebenso wie solche mit eher weltlich-politischem Hintergrund zu vergegenwärtigen und damit lebendig zu halten. Und in diesem Zusammenhang auch einmal zur Ruhe zu kommen. Dabei ist es für mich unerheblich, ob alle Menschen etwas mit Traditionen verbinden oder sich aktiv gestaltend an ihrer Reproduktion beteiligen. Allein der äußere Anlass bietet die Chance und wird auch bei den passiven ,,Mitläufern” nicht ihre Wirkung verfehlen. Besonders angetan bin ich immer wieder von den Traditionen, Bräuchen und Riten rund um die Feier des Frühlings, des Palmsonntags und des Osterfestes. Der Fernsehbericht über verschiedene Ausformungen in traditionsverbundenen bayerischen Gemeinden hat einige früher angelesene Bräuche wieder in mein Gedächtnis zurück gerufen. Besonders das Binden von Palmbüschen, die häufig neben Buchsbaumzweigen auch verschiedene immergrüne Nadelholzzweige und die ersten männlichen Blütenkätzchen der (Sal-)Weide verwenden, finde ich spannend. Bei uns ist lediglich das Bündel aus Buchs gängig, das am Palmsonntag zum Segen mit in die Kirche gebracht und später hinter Türkreuzen im ganzen Haus aufgeteilt wird. Diese bayerischen Gemeinden kennen darüber hinaus aus sog. Palmstangen und andere aufwändigere Palmbuschen aus mehreren Gehölzen, die symbolisch für die Erneuerung der Natur und des Lebens insgesamt stehen, natürlich auch im transzendentalen Sinne. Ich denke, dass das gemeinsame Pflegen alter Traditionen dieser Art eine enorme kommunikative und gemeinschaftsfördernde Kraft haben kann. Ich wünsche allen Initiativen den richtigen Weg zu finden, um auch künftig sinnhafte Hintergründe und Motive in verständlicher und zeitangemessener Form zum Ausdruck bringen zu können.

Schöner Ostertag

Ein schöner ruhiger Tag mit kontemplativem Fernsehblick auf die Papstmesse in Rom und einigen nicht minder spannenden Berichten über das Alltagsleben und Arbeiten im Vatikanstaat. Am Nachmittag dann hat uns dieser Ostersonntag doch noch mit hellem Licht überrascht und die scheußlichen Eindrücke der vergangenen Tage wettgemacht. So konnten wir zusammen einen längeren Spaziergang unternehmen und uns wie viele andere an den unverhofften Sonnenstrahlen freuen. Begegnungen mit Hunden und Bekannten inklusive. Die Landschaft bietet ansonsten zurzeit noch kaum Attraktionen. Nur in Häusernähe lässt sich hier und da etwas Interessantes entdecken. Dieses hier war keine Neuentdeckung, aber ich hatte noch nie die Gelegenheit, das unglaubliche Werk eines Heckenschnittprofis im Bild festzuhalten. Jedesmal bin ich wieder aufs Neue erstaunt, wie exakt sich eine Zypressenhecke in Form bringen lässt. So dass man von weitem meint, eine Mauer in Grün zu erblicken. Diese muss kürzlich erst wieder geschnitten worden sein. Kein einziges Ästchen bricht aus der strengen Geometrie aus:

Zypressenmauer

Zypressenmauer

Ich wäre zu gerne einmal dabei, wenn die Hecke bearbeitet wird. Eigentlich kann ich es mir nicht anders denken, als dass eine Art Gerüst dabei zum Einsatz kommt, das diese Akkuratesse möglich macht. Aber auch die gepflanzte Art muss eine Rolle spielen. Mit unseren Garenzypressen wäre so ein Ergebnis auch bei ausgefeilter Technik nicht zu erzielen.

Wintereinbruch zu Ostern

Wenn ich zum Fenster hinausschaue, sehe ich die ersten echten Schneeflocken dieses Winters. Und das einen Tag nach Frühlingsanfang und am Vortag von Ostern! Ganz schön skurril. Jedenfalls war der Spaziergang mit Hund heute nicht die reinste Freude, so heftig ist einem der Regen ins Gesicht geschlagen. Wenn J. und W. zu Besuch sind, bleibt aber nicht viel Zeit, sich darüber Gedanken zu machen. Dann ist immer Programm, und natürlich steht heute Abend der gemeinsame Besuch der Osternachtfeier an. Ich glaube, das hatten wir in dieser Form schon seit Jahren nicht mehr, deshalb bin ich froh, wenn sich einmal wieder die Gelegenheit bietet, das Osterfest gemeinsam zu feiern, bevor W. morgen zu seiner Mutter nach P. weiter fährt. Beim Spaziergang am Nachmittag hat er mir dann noch einige Details zu dem abenteuerlichen Trip nach M. vor einer Woche erzählt, von dem sie diese Unmenge an Efeuholz mitgebracht hatten. Leider war nicht mehr genug Platz im Auto, um es mitzubringen. So werde ich mich wohl erst beim nächsten Besuch in G. von der Qualität des ungewöhnlichen Materials beeindrucken lassen können.

Am Karfreitag

Eichentag und Frühlingsanfang, der so gar nichts von der Eichennatur und dem Frühling hatte. Ein Karfreitag wie er im Buche steht. Mit unwirtlichem, ungemütlichem Wetter und zwischenzeitlich gleißend hellem Sonnenschein. Ein Wetter, das den spirituellen und historischen Hintergrund des Feiertages zu spiegeln schien. Ich habe diesen Tag zum Lesen genutzt (Die Übersicht mit Werken Rudolf Steiners), und um mir einen Überblick über die ersten drei Monate dieses Jahres mit der neuen Aufgabe zu verschaffen. Auch das passte gut: Bilanz ziehen und in die Zukunft schauen. ,,Quo vadis” ist unvergleichlich unter den Bibelfilmen der 50er Jahre. Und ergreift mich immer wieder. Warum können die Dinge heute nicht in so schön verpackt werden? Man glaubt sich etwas zu vergeben. Dabei geht nur allzu viel verloren. Ich wünsche mir, dass wir in dieser Gesellschaft und weltweit nicht immer weiter zurück schreiten. Die Menschen waren schon mal weiter, lasst uns doch unsere Erkenntnisse nutzen, um wirklich Fortschritte zu machen und nicht in der Selbstverdummung zu ersticken!

Vor dem Karfreitag

Schon öfter habe ich am Vorabend des Karfreitag dieses merkwürdige, nicht definierbare Unwohlsein verspürt. So drückt sich das auch heute in einer Art Kranksein aus, einer Mischung aus Abgeschlagenheit und Antriebslosigkeit. So als ob ich vorwegnehmend ein Stück der Passion am eigenen Leibe nachvollziehen würde. Ein Tag, der exemplarisch für die Geburt des Lebens aus dem Tod steht, wirft seinen Schatten voraus und lässt mich nicht unberührt. Bei dieser Beobachtung denke ich an Jungs Begriff des Kollektiven Gedächtnisses. Ich denke, dass solche Gedächtniselemente konstitutive Bestandteile unserer Kultur sind und unser Denken, Handeln und Fühlen stark beeinflussen. So lange das noch an die Oberfläche kommt, ist nicht alle Hoffnung verloren. Erst wenn wir diese Wurzeln nicht mehr wahrnehmen könnten, wäre das ein Untergangszeichen. Genau das ist eben eines meiner wichtigsten Lebensthemen: der Umbruch, die Umwälzung, die Neugeburt, die Fusion von scheinbar Unvereinbarem. Solche Vorgänge assoziiere ich mit der Karwoche. Im Reich der Bäume haben diese Prozesse ihre Verkörperung in der Eibe gefunden. Mein 7zeiler hierzu passt ganz gut zu diesem Tag:

Starker Bezwinger des Todes
Im Leben von Ewigkeit zeugt
Zeitlos erschafft aus sich selber
Schwarzgrünes Kleid
Des Giftes organgeroter Träger
In heiliger Handlung verehrt
Hofft in Geduld.

Persönliches Baumtagebuch von Bernhard Lux: Täglich begegne ich den Bäumen auf vielfältigen Wegen. An ihrem jeweiligen Standort in der Natur, in der Lektüre von Baum- und anderer Literatur, in der alltäglichen Reflexion, der handwerklichen Arbeit und im Gespräch mit der Familie oder Freunden und Kollegen. Es ist mir ein Bedürfnis, diese themenbezogenen Beobachtungen, Interaktionen und Kommunikationen in Form des Baumtagebuchs zu dokumentieren. Seit dem 20. November 2004 habe ich keinen einzigen Tag ausgelassen – ein Zeichen dafür, dass das Baumthema und der Baum als Archetypus tatsächlich im Alltagsleben verankert ist und vielfältige inhaltliche Assoziationen ermöglicht. So mag dieses Baumtagebuch jeden seiner Leser/innen auf die Spur einer je eigenen Beziehung zu den Bäumen führen.