Reden über Bäume

Die Atmosphäre beim Spaziergang während der Mittagsstunden ist meist gelöst in diesen Tagen. Die Menschen wirken aber gleichzeitig wie abwesend, wie auf etwas wartend. Vielleicht auf den Frühling, vielleicht auf jenen Ruck, von dem einst der Altbundespräsident Herzog in Bezug auf Deutschland sprach. Diesen Ruck erwarten viele seitdem immer wieder. Es kommen aber meist nur neue Irritationen und Unsicherheiten. Das ist auch derzeit nicht anders. Die Menschen sehnen sich aber gerade deshalb nach deutlicher Orientierung, nach Anstößen von außen, nach einer Zukunftsperspektive, die man Nachrichten sehend und hörend nicht wirklich erkennen kann. Ich glaube, dass die Konstanten, wie unsere Wahrnehmung, unser Miterleben der Landschaft und aller natürlichen Prozesse, in dieser Situation eine größere Rolle spielen. Sie bieten einen Ansatzpunkt, um der Orientierungslosigkeit etwas entgegenzusetzen, neue Ansätze zu finden, die einen echten Bezug zu dem haben, was gegenwärtige Erwartungen und Lebensvorstellungen tatsächlich ausmachen. Deshalb ist gerade das Reden über Bäume, um ein Brecht-Zitat abzuwandeln, heute wichtiger geworden denn je.

Vom richtigen Startzeitpunkt

Es gibt so viele Projekte, die mir durch den Kopf gehen. Manche ganz nah und kurz vor der Fertigstellung. Andere weiter weg, aber sehr spannend und unbedingt umsetzungswürdig. Jedes davon benötigt die richtige Zeit, manchmal auch den richtigen Startzeitpunkt, um so zu werden, wie es sinnvoll und vorgestellt ist. Dazu gehören verschiedene Baumsymbolvorhaben, Websites und Handwerkliches, Texte und Fotografien, von denen ich zeitweise weit entfernt bin, die aber dennoch immer im Hintergrund präsent bleiben und zwischendurch immer wieder eine Bereicherung durch neue und veränderte Erfahrungen erleben. Ich hoffe, jeweils die richtigen Startzeitpunkte zu erwischen und in der Ausführung möglichst dran bleiben zu können. Das fördert immer die Qualität und vor allem die kommunikativen Anschlussmöglichkeiten, die heute wichtigen denn je geworden sind.

Zeitausfall

Ein Tag voller Regen und mit viel Fahrerei. Immerhin sind J. und W. jetzt wieder mit Kaminholz bestückt, das meiste davon aus unserem Fichtenwald. Für den Fall, dass der Winter doch noch kommen sollte und es sich anbietet, den Kamin anzufeuern. Ich werde wegen des Zeitausfalls heute wohl morgen ein paar Stunden Arbeit ansetzen müssen. Auch wenn Sonntag ist, manchmal geht’s nicht anders. Ich versuche aber dennoch den Tag zur Rekreation zu nutzen, soweit das in diesen Tag möglich ist. Und ich hoffe immer noch, die kommende Woche wird endlich sonnige Stunden bescheren, damit ich mein Objektiv ausprobieren kann. Das nächste Wochenende wäre die geeignetste Gelegenheit dafür.

Feine Antennen

Das Aufladen der Brennholzladung hat dann doch am Nachmittag funktioniert, trotz des Regens, der uns einfach nicht verlassen will. Kaum zu glauben, dass wir morgen um die 18 Grad erleben sollen. Ich schätze, den Regen wird das nicht stören. Aber etwas muss an der Veränderung auch eine gewisse Konstanz haben, wenn wir schon früh morgens die Amseln singen hören. Das ist für diese Zeit des Jahres sicher sehr ungewöhnlich. Normalerweise würden sie sich nicht so weit vorwagen, wenn es nicht Anhaltspunkte dafür gäbe, das die Jahreszeit schon mehr mit dem Frühling als mit dem Winter gemein hat. Entscheiden und wirklich zuordnen können wir es noch nicht. Die Bäume können die Tendenz der Singvögel derzeit auch noch nicht bestätigen, machen keine Anstalten, den neuen Zyklus in Gang zu setzen. Und die feinen Antennen der Menschen scheinen derzeit noch weiter von einer Sicherheit in Sachen Jahreszeit entfernt. So ist dieser Jahresanfang vor allem vom Abwarten und einer unerklärbaren Unschlüssigkeit gekennzeichnet. Und manchmal auch vom Unwohlsein im Körperlichen. Möge sich das bald auflösen.

Kein Ablenkwetter

Es ist einfach zurzeit nicht möglich, einen Fuß vor die Tür zu setzen. Ich hoffe, wir können morgen Nachmittag trotzdem das Beladen des Brennholzes realisieren, damit das am Samstag alles planmäßig funktioniert. Wenn es nur nicht regnet. Dann nämlich sind sowohl das Aufladen als auch die Fahrt nicht die reinste Freude. Nun hoffe ich auf die kommende Woche. Irgendwann muss sich doch mal etwas normalisieren. Gute zum Arbeiten ist das zwar, weil es so wenig gibt, was ablenken kann. Aber so vieles, was ich dokumentieren und beobachten möchte, neue fotografische Serien im Umfeld von Bäumen und Hölzern, kann ich so nicht umsetzen. Lass uns diese Zeit nutzen, um produktiv zu arbeiten oder – wenn die Zeit dafür nicht die richtige ist – um zu genesen.

Vom richtigen Zeitpunkt des Abbildens

Wieder kein Wetter zum Testen des neuen Objektivs. Die ersten Annäherungen waren zwar erfolgreich, sowohl bei Landschaftsaufnahmen als auch bei bewegten Motiven und Spots. Aber für richtige Testreihen benötige ich einfach stabiles Wetter, wenig Wind, viel Licht und Ruhe, um die Sache nicht zu hektisch anzugehen. Das ist gerade bei der Naturfotografie immer das A und O. Und wenn ich diese tolle Möglichkeit, weit entfernt liegende Motive einzufangen zur Erweiterung meines Portfolios im Bereich Bäume und Holz nutzen will, dann muss die Landschaft, dann muss das Klima einfach mitspielen. Es ist eine Art Kooperationsprojekt, bei dem der Abbildungsgegenstand sich einmal mehr als lebendiges Wesen entpuppt, das nicht nach Belieben und unter allen Umständen Objekt einer Kulturhandlung werden möchte. Die Bedingungen müssen die richtigen sein. Der Zeitpunkt muss stimmen.

Noch keine stabile Chance auf Frühling

Dass der Frühling bald kommt, das wünsche ich mir auch für J., der es zurzeit nicht so gut geht. Bei Wetterfühligen wie uns spielen diese Verhältnisse im Außen eben eine große Rolle. Freilich kann ich nichts wirklich feststellen von einer Frühlingsstimmung. Der Winter ist nur ungewöhnlich, aber ungemütlich, mit kurzen Phasen von Sonne, die dann gleißend sein kann, ohne zu wärmen. So werden wir uns noch arrangieren müssen, bis neben den Haselsträuchern auch die übrigen frühen Gehölze Blüten und Blätter ausbilden. Dann können auch wir uns sicher sein, dass die Dunkelheit verloren hat und Neuanfänge eine stabile Chance erhalten.

Wunsch nach Wärme

Von mir aus könnten wir den Holzofen doch noch anfeuern. So kalt und nass, wie es draußen ist, könnte diese unverwechselbare Wärme des Holzbrandofens ein wenig Ausgleich schaffen. Der Holzvorrat könnte reduziert und die Heizölkosten reduziert werden. Es wundert mich sehr, dass weder M. noch V. sich dazu entschließen können in diesem Jahr. Nur wenn nicht jetzt, wann sollten wir dann noch beginnen. Dass nach Mitte Februar noch der ganz große Wintereinbruch kommt, das kann ich mir einfach nicht vorstellen. Und eigentlich will ihn auch keiner mehr, aber die Wärme in irgendeiner Form, selbst erzeugt oder in als Frühlingserwachen, die wünschen wir uns doch alle herbei.

Neue Bildideen

Die neue Woche wird hoffentlich Gelegenheiten bieten, einmal wieder durch die Landschaft zu streifen, um nach möglichst entfernten Motiven Ausschau zu halten. Das Objektiv habe ich mir zwar schon genauer angesehen, aber der Härtetest ist natürlich der konkrete Einsatz unter verschiedenen Bedingungen. Das Spannendste dabei wird sein zu sehen, ob freihändige Aufnahmen allein mit dem Bildstabilisator möglich sind. Ansonsten könnte es schwierig werden, das Teil praktisch einzusetzen. Ein Problem ist wohl in jedem Fall der Transport, denn es ist mit Kamerabody so lang, dass es in keine Tasche passt. Deshalb werde ich es vor Ort aufsetzen müssen. Eigentlich etwas, was ich zu vermeiden versuche. Das verspricht spannend zu werden, vor allem auch, wie es mir gelingen wird, diese so ungewohnte Fernaufnahmetechnik mit meinen bisher bevorzugten Motiven in Deckung zu bringen. Wie immer bei Neuem könnten daraus durchaus neue Bildideen und Gestaltungsmöglichkeiten erwachsen. Ich freue mich darauf, bei hoffentlich gutem Available Light.

Telezoom

Mit Telezooms habe ich bisher gar keine Erfahrung. Deshalb bin ich sehr gespannt, ob sich durch das neue Objektiv mit dieser enormen Brennweite neue Motivvorlieben bei mir entstehen werden. Vielleich tatsächlich Tiere. Daran denkt man ja zunächst bei solchen Objektiven, da Tiere oft scheu sind und man sie aus der Nähe meist nicht festhalten kann. Oder eben doch Details, die an den Bäumen nur in Entfernung zu finden sind und bisher immer außer Reichweite waren. Ich denke da nur an gewisse Blüten, z. B. des Tulpenbaums oder des Blauglockenbaums, die immer eben wegen der großen Distanz als Motive nicht in Frage kamen. Wenn ich aus dem Fenster schaue, ahne ich allerdings, dass ein wirkliches Testen erst in einigen Tagen möglich sein wird. Regen werde ich dieses Teil jedenfalls auf keinen Fall aussetzen. Neun, schöne sonnige Tag mit aktiven Vögeln wären schon erforderlich, damit ich mich von den Qualitäten dieses optischen Instruments überzeugen kann. Auch frage ich mich, ob Digitalvideoaufnahmen damit möglich sind. Da gibt’s schon einige spannende Möglichkeiten, die ich ins Auge fassen möchte.

Verschüttete Wissensschätze

Inzwischen sind nur noch wenige Hagebutten zu sehen. Die letzten Früchte des Vorjahres, die sich an den Heckenrosen halten konnten. Jetzt haben die Bäume das alte Jahr endgültig hinter sich gelassen und der Winterschlaf wurde durch die unverhofft und nicht zurzeit passende Frühlingsluft irritiert. Die eine oder andere Pflanze dürfte schon den Wachstumstrieb in sich verspüren und sorgfältig prüfen, ob sie den neuen Zyklus bereits wagen kann. Aber sie werden es nicht tun, wenn Zweifel bestehen. Und in der Hinsicht haben die Pflanzen uns einfach etwas voraus, sind meist recht sicher in ihren langfristigen ,,Vorhersagen“. Schade, dass das pflanzen- und wetterkundliche Wissen mancher Menschen aus ländlichen Regionen so selten geworden ist und ich leider keinen solche kenne. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Wissen eine Bereicherung darstellen könnte und vieles verständlicher erschiene, was wir sonst in kurzsichtigem Blick als chaotisch und unregelmäßig wahrnehmen. Wieder eines dieser Wissensschätze, die Gefahr laufen, endgültig verschüttet zu werden.

Holzvorsorge

Mein alter Schulfreund hat leider kein geeignetes Kiefernholz für mich gefunden. Aber als Schreiner wird ihm vielleicht irgendwann der richtige Abschnitt in die Hände fallen. Und dann wird er an mich denken. Bis dahin werden meine Vorräte wohl ausreichen. Gerade bei so schwierigen ,,Fällen“ wie der Kiefer ist es aber für mich wichtig, rechtzeitig Nachschub zu organisieren. Sonst kann es auf einmal ausgegangen sein. Bis neues Material bearbeitbar und gut abgetrocknet ist, kann es dauern. Wenn es weiterhin so ruhig in Sachen Armbänder bleibt, denke ich daran, 1-2 neue Musterbänder anzufertigen. Auf jeden Fall steht der Trompetenbaum auf dem Programm. Außerdem habe ich noch einige Exoten auf Lager, von denen ich nicht sicher bin, ob es Sinn macht, sie ins Sortiment aufzunehmen. Aber ich denke doch: Irgendwann wohl finden sich Interessenten. Mit wenigen Ausnahmen war das jedenfalls noch bei fast allen Wunschbaumhölzern so.

Einzigartige Konstanten

Die Bäume schlafen zwar zurzeit, und mit ihnen die Baumthematik. Aber das ist nur latent, lässt sich jederzeit reaktivieren, weil es einfach universell und zeitlos ist. Das ist es gerade, was ich an der Beschäftigung mit den Bäumen so liebe. Sie lassen sich nicht wirklich irritieren in ihrer wesenhaften Präsenz, auch wenn sie Wind und Wetter ausgesetzt sind, mehr oder weniger günstige Wachstumsbedingungen vorfinden und immer extremer ausfallenden Klimaschwankungen trotzen müssen. Sie bleiben immer individuelle Repräsentanten ihrer Art, teilen das Wesenhafte der Art, bringen als Einzelwesen aber eine Einzigartigkeit zum Ausdruck, die uns als starke Energie, als mächtiger symbolischer Spiegel begegnen kann. Das war vor Tausenden Jahren so, und das wird solange bleiben, wie es Bäume gibt. Schön, sich in Gesellschaft lebendiger Wesen zu bewegen, die dieses eindrucksvoll verkörpern.

Irgendwie falscher Winter

Immerhin sind wir jetzt fast täglich von einigen längeren Sonnenphasen begleitet. Das ist doch schon mal ein Anfang, auch wenn Frühlingsgefühle noch lange nicht aufkommen wollen. Das Gespräch über den Ofen und das Brennholz, auf das V. so viel Mühe verwendet hat, ist irgendwie immer im Hintergrund. Nur der Entschluss, den Ofen tatsächlich anzuwerfen, will dann doch nicht aufkommen. Der von mir so sorgfältig arrangierte Stapel Brennholz ist auch so ein recht erbaulicher Anblick. Für den Sommer, wenn wir wieder öfter draußen sitzen, wäre es aber doch schön, wenn der Blick nicht vollständig von einer Brennholzwand abgelenkt wird. Ich wage noch keine Prognose für den weiteren Verlauf dieses irgendwie falschen Winters.

Persönliches Baumtagebuch von Bernhard Lux: Täglich begegne ich den Bäumen auf vielfältigen Wegen. An ihrem jeweiligen Standort in der Natur, in der Lektüre von Baum- und anderer Literatur, in der alltäglichen Reflexion, der handwerklichen Arbeit und im Gespräch mit der Familie oder Freunden und Kollegen. Es ist mir ein Bedürfnis, diese themenbezogenen Beobachtungen, Interaktionen und Kommunikationen in Form des Baumtagebuchs zu dokumentieren. Seit dem 20. November 2004 habe ich keinen einzigen Tag ausgelassen – ein Zeichen dafür, dass das Baumthema und der Baum als Archetypus tatsächlich im Alltagsleben verankert ist und vielfältige inhaltliche Assoziationen ermöglicht. So mag dieses Baumtagebuch jeden seiner Leser/innen auf die Spur einer je eigenen Beziehung zu den Bäumen führen.