Punktuell aufbauende Oktoberreize

Eine geschäftliche Fahrt nach S. hat den heutigen Tag fast vollständig dominiert. Immerhin, das mit Parken unter sehr schönen Bäumen inmitten der Großstadt hatte an diesem tendenziell goldenen Oktober ebenso wie die Heimfahrt bei tief stehender Herbstsonne etwas sehr Reizvolles. Ansonsten war der Ablauf der Gespräche eher durchwachsen, konnte das Projekt nur bedingt voranbringen. Aber in diesen Tag, wie so oft schon in diesem Jahr, kommt vieles zusammen, das gleichzeitig ver- und bearbeitet werden soll. So üben wir uns im weiteren Ausbau der ohnehin schon sehr ausgeprägten Geduld.

Auch die Schlehen sind dieses Jahr reich an Früchten

Wie ich beim Spaziergang auf meinem Lieblingsweg am späten Nachmittag feststellen konnte, hängen die Schlehenfrüchte nach wie vor in ziemlicher Zahl an den Zweigen. Teilweise sind sie prall, teilweise schon rosinenartig eingetrocknet. Ich denke aber, dass sich das Pflücken dieses Jahr lohnen könnte. Ich habe das schon seit mehreren Jahren nicht mehr gemacht, auch weil die sonstigen Baumobsternten so viel Zeit in Anspruch genommen haben. Das Problem stellt sich zwar in dieser Saison auch, aber reizen würde es mich schon. Der Zwecke des Sammelns dieser Früchte ist, daraus einen sehr wildfruchtigen Likör anzusetzen. Der hat schon etwas sehr Spezielles, eine Rarität, die man kaum noch antrifft, zumal die meisten den Aufwand des Pflückens an den stacheligen Sträuchern scheuen. Mal sehen, vielleicht kann ich einen langen, möglichst sonnigen Nachmittag in den kommenden Wochen dafür reservieren.

Das vermeintliche Verschwinden der Jahreszeiten

Der erste Tag seit Langem, der tatsächlich wie goldener Oktober wirkte. Wenn es doch wenigstens eine Woche anhalten würde, damit wir wirklich den schon ausgefallenen Altweibersommer kompensieren können. Klar, dass genau diese Witterung den Herbst beflügelt, denn bei kalten Nächten und sonnendominierten Tagen mit Licht sehen sich die Bäume besonders motiviert, ihre grünen Blattbestandteile abzuziehen, sich quasi aus der aktiven Wachstumsphase zurückzuziehen. Für uns ist dann ein jahreszeitliches Faszinosum, das nie seine Wirkung verlieren wird. Dass sich die Jahreszeiten, und so auch der Herbst in den Farben und der Konsistenz der Baumblätter spiegeln, das gehört einfach zur DNA aller Bewohner der mittleren Breiten. Und das prägt unser Symbolverständnis und unsere Kultur. Eben deshalb thematisiere ich hier so häufig das vermeintliche Verschwinden der Jahreszeiten, das an Tagen wie diesem wie eine unzutreffende Diagnose erscheinen mag.

Ungewohnt ausgeprägte Schwerpunkte in diesem Jahr

Nachdem V. in einer Fernsehsendung das Rezept eines leckeren Apfel-Schmand-Kuchens gesehen hat, soll es am Wochenende wohl ein weiteres Kuchenbacken geben. Natürlich sollen M. und ich das realisieren, nur dass wir von Apfelkuchen nicht ganz so begeistert sind. Ich habe jedenfalls einige interessant klingende Rezepte herausgesucht, von denen wir wohl eines versuchen werden. Noch eine Premiere: Noch nie zuvor hatten wir derart viel mit der Baumobsternte zu tun gehabt. Und jetzt kommt auch noch ein ungewohnter Eifer beim Kuchenbacken hinzu. Ich denke, wir müssen diese Tätigkeiten langsam reduzieren, weil es doch zu viel wird und all das andere Wichtige eben auch seine Zeit und seinen Raum beansprucht.

Baumthema und Grundlagenorientierung

Anspannung im Verlauf der Problemlösungssuche und Auflösung, kreative Drangphasen und kontemplative Rückschau, konzentrierte Analyse und gestalterischer Anspruch. Diese Einstellungen und Arbeitsphasen wechseln sich bei mir ziemlich häufig ab, durchdringen sich, gehen ineinander über. Im Bezug auf einen angenommenen Lebensplan betrachtet ist das der Idealfall, etwas durchaus Erstrebenswertes, wenn es gelingt, eine Balance immer wieder herzustellen. Diese Balance ist dabei vielleicht das Schwierigste. Bei den kontemplativen und kreativen Anteilen spielt meine Grundlagenorientierung, v. a. die Beschäftigung mit und die Erkenntnisse aus der Arbeit rund um die Baumsymbolik und -ästhetik eine große Rolle. Vielleicht ist das mein eigentlicher Antrieb hinter der täglich vielfältig ausgefüllten Baumthematik. Bleibt zu hoffen, dass es mir noch lange vergönnt ist, das Thema weiterzuentwickeln.

Walnüsse und Esskastanie sammeln

V. lassen auch die letzten zu erntenden eigenen Anbauerzeugnisse keine Ruhe. So waren heute schon wieder und immer noch die Walnüsse ein Thema, von denen noch viele auf unserem Bienenhausstück einzusammeln waren. Ich selbst hatte ja am Wochenende hier zuhause noch einiges zusammengetragen. Und die erste Charge Studentenfutter mit einer Mischung aus unseren Walnüssen und weiteren Nüssen, Rosinen und Mandeln habe ich ja auch schon zusammengemischt. Ich schätze, da werden noch einige Vorratsdosen folgen, sobald die Walnüsse gut angetrocknet sind. Für die restlichen auf der Fensterbank zum Trocknen ausgelegten dauert das noch eine Weile. Die wohl letzte Ernte von Baumfrüchten wird sich dann in Kürze auf die Esskastanie konzentrieren. Davon haben wir nicht ganz so viele Bäume, die zudem auch nicht so ertragreich sind wie die Walnussbäume. Aber es wird schon wenigstens für einige Kastanienbrataktionen etwas dabei herausspringen. Geröstete Esskastanien sind ja auch etwas ganz Feines, darauf freue ich mich schon.

Gelegentliche Vorwärtsbewegungen initiieren

Das mit keiner Jahreszeit kompatible Wetter macht uns allen sehr zu schaffen. Man bemerkt das insgesamt an der Zähigkeit der Kommunikationen. Daran, dass kaum jemand zu Neuanfängen oder Fortsetzungen bereit, niemand sich selbst motivieren zu können scheint. Da kann man auch mit unterstützender Symbolkraft nicht so viel bewegen. So versuche ich diese schwierigen Geduldsprobenzeiten wenigstens für die Entwicklung der eigenen Kreativität zu nutzen und damit gegen den Strom der Motivationen zu schwimmen. Das kann befreiend wirken und all das relativieren, was aktuell Nerven kostet und wenig zielführend verläuft. Und deshalb kommen die Symbolsysteme rund um Natur, Grundlagenthemen und Bäume eben für mich doch zur Geltung und nehmen täglich einen gewissen Raum ein, der sehr dabei hilft, die Dinge nicht still stehen zu lassen, sondern weiter in Bewegung zu halten, möglichst auch mit gelegentlichen Vorwärtsbewegungen.

Das vermittelte Verhältnis zu den Bäumen und ihrer Energie im Winter

Draußen werde ich für mein kunsthandwerkliche Arbeit wohl in diesem Jahr nicht mehr sitzen können. Tatsächlich habe ich meinen Arbeitsplatz auch schon vor 10 Tagen in das Kelleratelier verlegt, als es während der letzten Auftragsarbeit unaufhörlich geregnet hat. Bei den gleichzeitig empfindlich kühlen Temperaturen war es eigentlich nicht mehr möglich, Stunden im Freien zu sitzen. Und es wurde auch schon zu früh dunkel. Für die ganze lang Wintersaison wird die Holzarbeit deshalb im Keller stattfinden, zumindest alles außer dem ersten Arbeitsschritt, der notwendigerweise wegen der Maschine in der Außenwerkstatt ausgeführt werden muss. Aber dieses intime Arbeiten bei künstlicher Beleuchtung und gewissermaßen isoliert hat schon einen gewissen Reiz, der den Schwerpunkt dieser Arbeit mehr nach Innen verlagert. Man kann dann ganz nah bei den Hölzern, ihrer energetischen Ausstrahlung und materialhaften Präsenz sein und ein sehr persönliches Verhältnis zu den Baumwesen knüpfen, dann eben vermittelt über ihre Relikte, in Form des getrockneten Baumholzes. Aber darin sind wie konserviert viele Eigenschaften der jeweiligen Baumart enthalten und werden somit Gegenstand der Reflexion, die in die Verarbeitung des Holzrohlings zu Armbandperlen einfließt und ohne die diese Art von Natursymbol-Form eigentlich nicht möglich wäre.

Für eine späte jahreszeitliche Entschädigung

Ich setze jetzt auf die Tage ab Dienstag, um doch noch Hoffnung auf einen Goldenen Oktober schöpfen zu können. Dann könnten die späten mild temperierten Oktobertage mit deutlichen Sonnenstunden kommen, die bei längerer Dauer einen goldenen Oktober ergeben können. Immerhin haben wir das im Spiegel des bunt leuchtenden Herbstlaubs der Bäume schon des Öfteren erleben dürfen, bevorzugt in Jahren, in denen wie diesmal auch wieder der Altweibersommer ausgefallen war. Als späte jahreszeitliche Entschädigung sozusagen. Und dann könnte, mit ausreichend Sonnenlicht und jahreszeitlich typischen Farben und Detailmotiven, nach längerer Unterbrechung auch etwas aus der herbstlichen Baumfotografie werden. Die gelingt nicht in jedem Herbst. Er muss schon deutlich sein und es einem ermöglichen, sich auf die Jahreszeit einzustimmen. Dieses echte Eingestimmtsein ist die Grundvoraussetzung für eindrucksvolle Nahaufnahmen in der Natur- und Baumfotografie.

Ersatz für eine lokale Festtradition

Es ist schon länger nicht mehr vorgekommen, dass wir zum traditionellen und für unsere Region fast schon verpflichtenden Fest nicht gefahren sind, und sei es auch nur, um die dort auch angebotenen Kartoffelpuffer, besser: „Kartoffel-Mäuscher“, bei einem der Vereine zu kaufen und nach Hause mitzunehmen. Nach einem Gang durch die Festmeile haben wir das immer so gehandhabt. Aber heute war es so scheußlich und nass, dass wir uns nichtt aufraffen konnten. Traurig für die Veranstalter und auch für uns, weil wir uns eigentlich immer darauf freuen. Aber diesmal kaum durchführbar. So haben wir die Spezialität einfach zuhause selbst zubereitet – mit sehr zufriedenstellendem Ergebnis. Nur die Äpfel, der Viez und die lokale Spezialität inklusive Fest sind dieses Jahr außen vor geblieben. Na ja, mit eigenen Äpfeln, Apfelbäumen und all dem anderen Baumobst hatten wir ja im Laufe der Saison wahrlich schon genug zu tun.

Ein der alltäglichen Erfahrung entfließendes Thema

Nicht so viel bedeutet mir der gesetzliche Feiertag, aber trotzdem bietet auch ein solcher Tag Gelegenheiten zur Rückschau, zur historischen, regionsspezifischen und auch autobiographischen Rekapitulation von Teilen des Erlebten. Für mich dann auch eine der seltener gewordenen Chancen auf echte Kontemplation und Lektüre, die fern der für mich sonst anstehenden Informationsverarbeitung und kreativen Weiterentwicklung. Unabhängig von feiertäglichen oder arbeitsalltäglichen Eindrücken und Voraussetzungen, spielt das Baum-Thema eigentlich immer eine Rolle. Ich kann wirklich sagen, an jedem einzelnen Tag. In der einen oder anderen Form. Deshalb sind die Einträge im Baumtagebuch auch kein künstliches Konstrukt, sondern das Ergebnis einer bewussten Entscheidung und der konsequenten täglichen Umsetzung derselben. Der inhaltliche Stoff dafür entfließt den Erfahrungen und (inneren) Erlebnissen des Alltags, fast wie von selbst.

Feiertag, Auszeit, Frühherbststimmung

Mit meiner gestrigen Einschätzung zum Goldenen Oktober scheine ich richtig gelegen zu haben. Der heutige Sonnentag mit endlich einmal wieder durchgängig viel Licht hat den Eindruck bestätigt und die meisten Menschen emotional aufgebaut. Da viele Leute Feiertage, und seien es auch nur gesetzliche, zum Anlass für eine Auszeit davor und danach nehmen, war das doppelt passend, weil die Aussicht auf Freizeit und Erholung die Stimmung nochmal verbessern konnte. Ich freue mich auch auf die feiertägliche Pause und hoffe, kontemplativ davon profitieren zu können. Bei so viel kleinteiliger Projektarbeit und viel kommunikativer Beanspruchung ist das ein guter Ausgleich. Und vielleicht komme ich bei sonnigen Phasen ja auch noch dazu, den Baumherbst in seiner frühen Verfassung fotografisch festzuhalten. Zumindest könnte ich mich an das Motivfeld wieder langsam herantasten.

Goldener Start in den Oktober

Es ist dabei geblieben, dass der vergangene September zu den nassesten und sonnenärmsten der letzten Jahrzehnte gehörte. Bei und im Südwesten war das besonders ausgeprägt, ganz im Gegensatz zur Verteilung des Wetters in den meisten Zeiten des Jahres. Aber der Oktober ist gleich „golden“ gestartet. Von dem sehr heftigen Wechsel zwischen fast frostigen Nächten und zeitweise lichtdurchfluteten Tagesstunden einmal abgesehen, sind diese längeren Phasen, in den die Sonne so richtig die gesamte Landschaft durchflutet, in dieser Zeit des Jahres eine Wohltat. Für die späten Früchte, v. a. beim Gemüse, wäre es wichtig, dass das nun noch länger anhält. Denn wenige lichtreiche Tage, am besten noch mit überdurchschnittlichen Temperaturen, können die Fruchtreife entscheidend beschleunigen. So würde ich mich sehr über eine Rest-Ernte bei den Feigen (für M.) freuen, aber auch über eine reiche Chili-Ernte mit wirklich ausgereiften Schoten. Bei vielen Tagen wie dem heutigen hintereinander ist das durchaus realistisch.

Merkwürdiger September geht zu Ende

Es war sicher der merkwürdigste September seit Langem. Wie man aus der Statistik erfahren kann, handelte es sich tatsächlich um den nassesten September seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnungen im Jahre 1881. Und zumindest fürs Saarland kann man auch sagen, dass es noch nie so trüb im September war, mit so wenigen Sonnenstunden, dass die meisten Oktobermonate dem überlegen sein dürften. Verkehrte Welt – verrücktes Klima. Zum Glück sind uns am Ende noch ein paar Tage mit der moderaten Wärme und strahlenden Sonnenstunden beschert gewesen, die wir sonst aus der 2.-3. Septemberwoche kennen. Aber diese Schönwetterphasen kamen sehr spät, immer erst am späteren Nachmittag. Auch das ist ungewöhnlich und ein Grund, warum meine an sich sehr reichlich und groß gewachsenen Chilischoten sich so schwertun, auszureifen. Die Schärfe haben sie zwar auch schon in grünem Zustand, aber für die Optik und das gute Gefühl ist natürlich die Gelb-Orange-Rot-Färbung ein Muss. Ich kann nur hoffen, dass der Oktober genügend Gelegenheit bietet, das nachzuholen. Am besten gleichzeitig zu einem farbenfrohen Baumherbst mit echtem Herbstlaub, das sich länger in den Baumkronen hält und nicht über Nacht einfach abfällt. Bei so viel Krisenatmosphäre in sämtlichen Gesellschaftsbereichen sind die typischen jahreszeitlichen Eindrücke ein wichtiger Ausgleich. Es wäre schade, wenn uns das in den gemäßigten Breiten abhandenkäme.

Persönliches Baumtagebuch von Bernhard Lux: Täglich begegne ich den Bäumen auf vielfältigen Wegen. An ihrem jeweiligen Standort in der Natur, in der Lektüre von Baum- und anderer Literatur, in der alltäglichen Reflexion, der handwerklichen Arbeit und im Gespräch mit der Familie oder Freunden und Kollegen. Es ist mir ein Bedürfnis, diese themenbezogenen Beobachtungen, Interaktionen und Kommunikationen in Form des Baumtagebuchs zu dokumentieren. Seit dem 20. November 2004 habe ich keinen einzigen Tag ausgelassen – ein Zeichen dafür, dass das Baumthema und der Baum als Archetypus tatsächlich im Alltagsleben verankert ist und vielfältige inhaltliche Assoziationen ermöglicht. So mag dieses Baumtagebuch jeden seiner Leser/innen auf die Spur einer je eigenen Beziehung zu den Bäumen führen.