Sinn schaffen

Wieder so ein Tag, der mit außerplanmäßigen Aktivitäten angefüllt war. Dieses eine wenig angenehme Thema wird uns wohl noch bis zum Jahresende in wechselnder Gestalt begegnen und beschäftigen. Vorerst aber ist wieder eine Normalphase, wenn man sie so nennen kann, eingeleitet. Ich bin froh, zwischendurch durch die Holzarbeit eine Basis zu finden, die nicht nur hilft, das Komplizierte, nicht vollständig Lösbare aufzuheben, sondern neuen Sinn schafft. Durch die Verbindung mit den verschiedenen Baumarten und ihrer Energie. Und auch durch die je individuelle Beschäftigung mit den Auftraggebern, von denen jeder seinen eigenen, mal deutlicher, mal verdeckt geäußerten Anspruch vorträgt. Dem Zeitlosen auf diese Weise Individuelles aufzusetzen, finde ich sehr reizvoll und herausfordernd.

Feigenbaumpaar

Der ganz kleine Feigenbaum, den V. vor einigen Wochen mitgebracht hat, gefällt mir jetzt schon besser als der eigentliche, schon 3 Jahre alte Nachzögling und designierte Nachfolger unseres langjährigen Baums. Einfach weil der derzeit noch einen einzigen unverzweigten Stamm zeigt und schöne große Kronblätter. Bei dem älteren hat sich die Verzweigung schon viel zu früh ausgebildet. Er hat deshalb schon jetzt eine im Verhältnis zur geringen Höhe zu ausgedehnte Kronenform. Ich fürchte, so wird er nie Baumcharakter erhalten und stattdessen eine Existenz als Feigenbusch führen. Eigentlich nicht das, was ich mir vorstelle. Wir werden sehen, welche Lösung nach dem Rückschnitt des alten Feigenbaums bis auf den Wurzelstock die vernünftigste Lösung darstellt. Vielleicht werde ich das ganz kleinen dann an dessen Stelle und an den alten Standort verpflanzen und ihn als Nachfolger aufbauen. Dann hätten wir zwei Feigenbäume, ein Paar, das in gegenüberliegenden Hälften des Gartens seinen je getrennten Standort findet. Auch eine attraktive Möglichkeit, die einen Versuch wert ist.

Sonnenblumen und Wunderbäume

Vielleicht werden die King Kong Sonnenblumen mit regelmäßiger Düngung ja tatsächlich 4 Meter hoch. Vorstellen kann ich es mir, denn sie schießen beständig in die Höhe, ohne bisher einen Blütenkopf angesetzt zu haben. Im Gegensatz zu den eher buschig wachsenden, die wir als Pflänzchen von der Nachbarin erhalten haben und die jetzt zwar deutlich niedriger sind, aber ihre ausgewachsenen Köpfe bereits nach dem Sonnenstand drehen. Die Rizinus-Stauden tuen sich das noch schwerer, allerdings haben wir sie auch später erst gesät. Riesige Blätter haben sie jetzt schon, aber sie sind noch nicht sehr weit hoch gewachsen. Die am weitesten fortgeschrittene unter den drei, die wir aus den Samen heranziehen konnten, zeigt erstaunlicherweise jetzt schon einen deutlich erkennbaren Blütenstand. Die ganze Pflanze hat trotz ihres jugendlichen Alters bereits eine ausdrucksstarke Präsenz, aus der heraus man sich den ausgewachsenen Zustand des „Wunderbaums“ sehr gut vorstellen kann. Vermutlich werden sie den Sonnenblumen, mit denen sie in einer Reihe stehen in nichts nachstehen. Im August können wir sicher die beiden Arten gemeinsam betrachten. Dann werden sie einen deutlichen Sichtschutz zu den Nachbargeländen bilden und die Außengrenzen des Gartens mit ihren raumgreifenden Formen beherrschen.

Fan zeitloser Zeiten

Gefühlt ist in diesen Tagen der Höhepunkt der Urlaubszeit erreicht. Nicht für mich und die Familie, aber doch offensichtlich für die meisten anderen. Es ist diese eigentümliche Zeitlosigkeit, die sich dann breit macht und viele sonst dominierende Kommunikationen aufs Wartegleis stellt. Anderes tritt bei den zuhause Gebliebenen dagegen in den Vordergrund. Die Freude am simplen Gespräch, an dieser Art von Gespräch, das keinem besonderen Zweck außer sich selbst dient. So etwas finde ich klasse, denn man vermisst das in den nicht zeitlosen Phasen zunehmend. Die scheinbare Rationalität sämtlicher Lebensabläufe scheint dann alles zu bestimmen – und dem Alltag jenen Zauber zu rauben, der diesen Alltag erst lebenswert macht, eigentlich. So bin ich in den letzten Jahren zu einem echten Fan zeitloser Zeiten geworden. Von den einzelnen Feiertagen über die Feiertagsvorbereitungszeiten, allen voran die Adventszeit, bis zu profanen Feierzeiten wie der Fastnacht. Die Ferienzeiten im Sommer stehen in dieser Reihe, nicht sinnhaft, aber doch an ihrer Rolle und ihren Auswirkungen gemessen. Schön dann die Gärten und Parks in ihrer ganzen Üppigkeit und sonnendurchtränkten Kraft erleben zu können. Und schön für mich, die Bäume in der Zeit ihrer Ausdehnung und größten Vitalität beobachten, dokumentieren und als Lebenssymbole reflektieren zu können.

Ein weitgehend autarker Garten

Nach zwei Wochen werden wir heute wieder den externen Garten besuchen. Das Gießen konnten wir uns ja in der Zeit ersparen, da es zwischendurch ausreichende Niederschläge gab. Aber jetzt sollten doch einige Brombeeren erntereif sein. Und nach den Zucchini können wir bei der Gelegenheit auch einmal sehen. Die Stangenbohnen, so hoffen wir, werden genug Wasser erhalten haben. Und die Bäume dieses Gartens sind ohnehin einiges gewöhnt und bedürfen mit Ausnahme des Maulbeerbaums, der seinen Schnitt im Frühjahr schon hinter sich hat, ohnehin kaum einer aufwändigen Pflege. So hoffen wir, dass der Garten sich auch in Vs Abwesenheit gut entwickelt und wir für das andere Problem, der Arbeit mit den Bienenvölkern eine durchführbare Lösung finden.

Unsichere Baumobstprognosen

Die Weintrauben hängen schwer an den lang ausgetriebenen Reben. Da macht sich der viele Regen bemerkbar, der die Beeren schnell anwachsen lässt. Das ist zunächst gut für den späteren Ertrag, aber nicht zwingend auch positiv für die Qualität. Es wird wie immer darauf ankommen, ob die Lichtstunden gerade in den Wochen der Reife, also zur Lese hin, ausreichend sein werden, damit genügend Fruchtzucker gebildet werden kann. Da aber die Reben insgesamt in den letzten Jahren ziemlich ausgedünnt sind und wir schon im Vorjahr kräftig zurückschneiden, rechne ich eigentlich mit einer ganz guten Qualität, jedenfalls wenn es keine ungewöhnlichen Witterungskapriolen gibt. Das Baumobst hat ansonsten bei uns wechselhafte Prognosen. Während andere viele Äpfel erwarten, sind es bei unseren Bäumen voraussichtlich gar keine dieses Jahr. Mirabellen, auf die ich mich am meisten freue, sind meist ein Problemfall, da wage ich noch keine Vorhersage. Und mit Kirschen hatten wir in den Vorjahren ohnehin kein Glück. Zu den Aussichten der Zwetschgen hat V. sich noch nicht geäußert. Bei denen haben wir es verpasst, den Verlauf der Blüte und die folgenden Wochen zu beobachten. Aber bald wird sich auch für sie die Stunde der Wahrheit kommen.

Konstruierte Naturlandschaft

Beim Blick aus dem Fenster in Richtung der Weinreben und des Gartens wirkt auf einmal alles so wohl geordnet. Das Zurückschneiden und Unkrautjäten hat eben doch seine Auswirkungen auf die Ausstrahlung der Umgebung. Man hat dann das Gefühl, die Pflanzen beruhigt eine Weile ihrem Wachstum überlassen zu können. Interessant, dass man sich ihnen in solchen Situationen am nächsten fühlt, eben wenn man sie begradigt, geordnet, sie in ihrer Natürlichkeit eingegrenzt hat. Das ist symptomatisch für unser Verhältnis zur natürlichen Umwelt überhaupt. Je stärker gestaltet und kontrolliert, umso schöner und – wie merkwürdig – natürlicher wirkt es auf uns. Während meiner Jahre in B., inmitten einer künstlich aus dem Boden gestampften touristischen Stauseelandschaft, habe ich das erstmals so deutlich beobachtet. An die „richtige“ Natur kommen wir eben schon gar nicht mehr heran, die ist uns eigentlich vollständig unbekannt. Und so erkennen wir in dem Gewohnten Unterschiede und erheben das eine Geordnete und als geordnet schön Empfundene zu unserer neuen Naturlandschaft.

Aus dem Vollen schöpfen

Seltsam, im Hochsommer nehme ich die Eiben viel deutlicher wahr als in den übrigen Jahreszeiten. Dabei steht sie symbolisch doch gerade für das Dunkle, Unergründliche, fast Unsichtbare, auch für das ewig Geheime und Verdeckte, was so viel besser in den Winter zu passen scheint. Vielleicht liegt es einfach an ihren dunklen Nadeln, die sie bei wenig Licht tatsächlich weitgehend verschwinden lässt. Im Sommerlicht dagegen wird das satte Dunkelgrün quasi hervorgeholt, wird der vollständige Baum auch eher als Gestalt sichtbar. Ich genieße gerade dieses Sichtbarwerden der Pflanzen, das satte Beobachtungsangebot während dieser Wochen des Jahres. Das ist wie aus dem Vollen zu schöpfen.

Vor der schönsten Phase des Gartensommers

Etwas Abkühlung und ein halbstündiger kräftiger Regenschauer haben mir heute das Gießen erspart und verschaffen den Pflanzen eine Atempause, die hoffentlich noch einige Tage anhält. Gestern noch hatte ich unter der schattigsten und stärksten Buche im Park Erholung von der andauernden Hitze gesucht. Und heute habe ich erstmals seit Wochen gespürt, dass die Extreme bei mir unangenehme Spuren hinterlassen haben. Das Zurückschneiden der langen Weinrebentriebe gestern Abend bei schwüler Hitze und über Kopf war dann wohl doch zu viel. So sah ich mich gezwungen, einmal einen Gang zurückzuschalten und den Sonntag als solchen ernst zu nehmen. Ein, zwei Gartengänge waren dann doch eine Bestätigung für die Mühen der vergangenen Tage, denn jetzt habe ich den Eindruck, der Hochsommer kann sein Werk in geordneten Bahnen vollenden, so dass wir in die schönste Phase des Gartensommers mit all dem üppigen Grün, dem Blühen und dem transparent gefilterten Licht eintreten können.

Holz- und Gartenarbeit

Ich konnte heute ein neues Holzarbeitsprojekt beginnen und bin im Vorfeld und anschließend auch noch zur Gartenarbeit gekommen. Die Physalis, in diesem Jahr üppiger als zuvor wachsend, mussten hochgebunden werden. Ich habe dazu Metallstäbe gesteckt und auf drei Ebenen dünne Drähte verspannt. Das hat den Pfad freigemacht. Zuletzt bin ich schon ungewollt auf einige Blasenfrüchte getreten, weil kein Durchkommen mehr war. Rasenmähe war wieder angesagt, wobei sich der Akkumäher ganz gut bewährt hat. Nun weiß ich auch, dass der Akku nach mehrwöchigem Nichtgebrauch in jedem Fall vorab aufgeladen werden muss. Und dann war noch jede Menge Unkraut zu entfernen, alles Ausufernde und Wuchernde in Form zu bringen. Das betraf vor allem die langen Triebe der Weinreben und die unzähligen Wicken, die alles, was sich nicht wehren kann umschlingen und sich rasant vermehren. Deutlich mehr Arbeit im Garten als in den Vorjahren. Wegen der vielen Sorten Blumen und Stauden, wegen der vielen Gießkannen, die bei so heißen Sommertagen notwendig werden. Auch wegen der Umgestaltung der Gartenränder, die nun nach dem Wegfall der Zypressenhecken pflegeintensiver geworden sind. Vielleicht werden wir das teilweise durch Abdecken mit Rindenmulch künftig besser kontrollieren können.

Verwandlung eines Riesen

Der ausgedehnte Stumpf, den ich vor zwei Wochen an Stelle der einmal riesigen und ausladenden Linde vorgefunden habe, hat bei der erneuten Begegnung heute einen merkwürdigen Eindruck hinterlassen. Es ist diese eigentümliche Mischung von Unverwüstlichkeit oder ewigem Leben und Verstümmelung. Den meisten Besuchern dort wird die Linde vermutlich garnicht auffallen. Denn der Baumstumpf ist kaum zu erkennen, da er viele junge Triebe ausgebildet hat, die dem Ganzen die Gestalt eines Busches verleihen. Vielleicht hält es so mancher für einen solchen und erkennt nicht die brutale Degradierung es einstigen Riesen. Warum mich das überhaupt so bewegt? Dieser Baum hatte lange Zeit eine dominierende Position im großen Innenhof des Gebäudekomplexes. Es war genau der zentrale und Schatten spendende Zentralbaum, an dem und um den man sich gerne versammelt hat. Ein Musterbeispiel für eine Linde und ihre besondere Gemeinschaftssymbolik. Es ist immerhin ein Trost, dass man sich nicht getraut hat, den Stumpf zu entfernen. Ich vermute, das hat nicht nur Kostengründe. Sicherlich hatte ein Skrupel seine Finger im Spiel.

Den Baumschatten herbeisehnen

Schatten spendende Baumkronen, die hätten wir uns heute bei so mancher Erledigung unter praller Sonne gewünscht. So sind es wenigstens einige schattige Innenräume geworden, in denen bei längerem Aufenthalt die stehende Luft aber auch schon wieder unangenehm wird. M. hat mir heute zugestimmt, dass die Hochsommer doch eine neue Qualität gewonnen haben. Es ist nicht mehr dieselbe Wärme wie vor 20 oder 30 Jahren. Nicht nur die zunehmenden Schwankungen und Extreme, auch die länger anhaltenden Hitzephasen haben inzwischen etwas zu eigen, das man als „zu viel“ wahrnimmt. Erholung zwischendurch ist fast nicht mehr möglich. Und so begegnen mir in solchen Zeiten viele Menschen, die trotz Gesundheit und Jugendlichkeit etwas merkwürdig Schlaffes ausstrahlen. Als ob ihnen das Sonnenlicht ohne Puffer sämtliche Säfte entzogen hätten. Ich frage mich manchmal, ob uns solche Beobachtungen und Entwicklungen eigentlich etwas bedeuten sollen.

Lichte Eindrücke des Alltags

Eine Rückkehr der Hitze. Eine Gruppe junger Bäume hat uns auf dem Parkplatz Schatten gespendet, während wir die Behandlungsmöglichkeiten für V. recherchiert haben. Überhaupt passt die entspannte Fahrt durch eine strahlende Sommerlandschaft nicht zum eher belastenden Anlass der Fahrt. Aber es gibt eben an jedem Tag diese lichten Eindrücke und belebenden Beobachtungen aus der Natur, die vieles verändern oder verträglich machen können.

Erinnerungswerte

Den auf der Straße gefundenen Zapfen der alten Kiefer auf dem Klinikgelände wollte M. nicht mit nach Hause nehme. Ich fand ihn sehr schön, so rund gewachsen, wenn er auch einige helle Verfärbungen innerhalb der Schuppen aufwies. So bleiben der Baum und all die mächtigen Individuen in seiner Umgebung ein Erinnerungswert, der bei jedem Besuch dort aktualisiert wird. Die Wirkung einer solchen bäumischen Umgebung ist nicht zu unterschätzen. Auch wenn es für V. nicht die ganz große motivierende und aufmunternde Wirkung hatte. Ein Kapitel der anstrengenden Art, dem weitere andernorts folgen werden.

Persönliches Baumtagebuch von Bernhard Lux: Täglich begegne ich den Bäumen auf vielfältigen Wegen. An ihrem jeweiligen Standort in der Natur, in der Lektüre von Baum- und anderer Literatur, in der alltäglichen Reflexion, der handwerklichen Arbeit und im Gespräch mit der Familie oder Freunden und Kollegen. Es ist mir ein Bedürfnis, diese themenbezogenen Beobachtungen, Interaktionen und Kommunikationen in Form des Baumtagebuchs zu dokumentieren. Seit dem 20. November 2004 habe ich keinen einzigen Tag ausgelassen – ein Zeichen dafür, dass das Baumthema und der Baum als Archetypus tatsächlich im Alltagsleben verankert ist und vielfältige inhaltliche Assoziationen ermöglicht. So mag dieses Baumtagebuch jeden seiner Leser/innen auf die Spur einer je eigenen Beziehung zu den Bäumen führen.