Das Schwinden ästhetischer Denkart

Manchmal ergeben sich Koalitionen, die man gar nicht vermutet hätte. Dass Herr D. heute mit V. Verbindung aufnimmt, weil die Bahn dabei ist, die Weißdornhecken entlang der Bahnstrecke vor seinem Haus zu entfernen, wird dem Honigertrag dieses Jahres sicher zu Gute kommen. Herrn D. geht es dabei zwar weniger um den Honig, sondern um die in seiner Straße recht zahlreichen spielenden Kinder, die in Ermangelung einer abweisenden Hecke leichter in Versuchung geraten könnten, sich auf die Gleise zu begeben, wo schnell schlimme Unfälle passieren könnten. In diesem Abschnitt ist kein Schutzzaun installiert, weshalb die dichten Weißdornhecken neben ihrer ökologischen Funktion auch als klare und unüberwindliche Schutzwälle geeignet sind. Dass sie geschnitten werden sollen ist zwar verständlich, insbesondere wenn sie drohen in die Gleisanlagen hinein zu wuchern und damit den Zugverkehr zu behindern. Aber zwischen radikalem Abholzen und Zurückschneiden besteht eben doch ein Unterschied. Das joint venture zwischen V. und Herrn D. hat jedenfalls Wirkung gezeigt. Nachdem sich die Arbeiter vor Ort schlicht auf ihren Auftrag und eine nicht näher bezeichnete Ausnahmegenehmigung berufen haben, haben sie auf den Protest hin ihre Radikalaktion doch gestoppt und die Sträucher zunächst lediglich auf einer Höhe von 3m und seitlich beschnitten. Das stellt sicher, dass der größere Teil der Blütenknospen sich in diesem Jahr wird entfalten können und der Nektarverlust nicht ganz so groß ausfallen wird, was wichtig ist, denn die Bahnanlagen liegen ziemlich nahe zum Bienenhaus. Im Herbst allerdings sollen die Hecken dann kräftig bis zum Boden zurück geschnitten werden. Auch das wird nicht ihr Ende sein, denn sie können wieder neu ausschlagen. Bis die Bäume aber die alte Größe erreicht haben, werden einige Jahre vergehen. Wirklich verwunderlich ist diese Maßnahme nicht, sie liegt auf der Linie, die sich seit Jahren abzeichnet, dass nämlich an öffentlichen Anlagen die Schere oder Säge so massiv eingesetzt wird, dass eine Wiederholung erst einige Jahre später wieder notwendig ist. Wie so oft geht es hier einfach nur um die Kostenersparnis. Welche Auswirkungen dies auf das Landschaftsbild und die ökologischen Gleichgewichte hat, interessiert da mittlerweile niemanden mehr. Ich würde mir wünschen, dass diese Ingenieurdenkart keine Zukunft hat. Sie steht ästhetischem Landschaftsdenken jedenfalls diametral gegenüber.

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