Bewusstwerdung im 20. und 21. Jahrhundert

Das war nun der lichtärmste Tag des bisherigen Jahres. Passender geht’s nicht mehr. Denn der 7. November markiert die genaue Mitte der ,,Eibenphase“, die für den Übergang in Natur und menschlichem Naturverhältnis steht. Ein Übergang, der mit Begriffen wie Absterben, Vergehen, Sich Zurückziehen, Transformation, Auflösung und Tod in Verbindung gebracht wird, in der Sprache wie im Fühlen. Vielleicht ist es dieser jahreszeitliche Rahmen, der mich zu der Lektüre von Rudolf Steiners aufgezeichneten Vorträgen über den Tod und das Verhältnis zwischen den, wie er immer schreibt, ,,so genannten Toten“ und den Lebenden führte. Eine Lektüre, die mich wieder näher an die Denkweise und Erkenntnisse eines der größten Geisteswissenschaftler und spirituellen Lehrer der Neuzeit heranführt. In diesen Tagen sind solche nicht alltäglichen Gedanken sicher leichter aufnehmbar und verarbeitbar als zu anderen Jahreszeiten. Steiners Anschauungen machen durchaus Mut, weisen die Richtung hin zu einer Weltauffassung und einer Wahrnehmung, die weit über das gewöhnliche Alltagsbewusstsein hinausgeht. Und die das Leben im Wissen um die Allgegenwärtigkeit höherer Welten und deren enorme Bedeutung für unser Hier-Sein und Wirken fördern kann. Nicht nur die mit enormer Gedankendichte entwickelten Detailbetrachtungen Steiners faszinieren mich. Es sind vor allem auch die Ausführungen, welche einen weiteren Bogen spannen und die psychosoziale Verfassung seiner Zeitgenossen und die politisch-kulturellen Verhältnisse zu Beginn des 20. Jahrhunderts näher beleuchten. In solchen Texten wird deutlich, dass Geisteswissenschaft, wie sie die Steinersche Anthroposophie versteht, in alle Lebens- und Weltbereiche hineinreicht und aus der Perspektive des einzelnen eine Art Entwicklungsnotwendigkeit darstellt. Etwas, dem enorme alltagspraktische Bedeutung zukommt, so man bereit und in der Lage ist, den geisteswissenschaftlichen Reflexionen Raum in seinem Leben zu geben. Eine Bereitschaft, die Steiner bei den meisten seiner Zeitgenossen nicht einmal ansatzweise erkennen kann, was ihn immer wieder eine starke Diskrepanz zwischen dem eigentlichen geistigen Entwicklungsstand und den Manifestationen im Leben feststellen lässt. Vieles von dem, was er schreibt, kann ich 1zu1 auf die heutige Lage, unsere aktuellen politischen, kulturellen und wissenschaftlichen Verhältnisse übertragen. Man sollte kaum glauben, dass zwischen Steiners Vorträgen und heute 90 Jahre liegen, und ein weiterer, noch verheerenderer Weltkrieg. Diese Vorträge stammen aus der Endphase des 1. Weltkriegs und wurden vor Mitgliedern der Anthroposophischen Gesellschaft in verschiedenen Städten gehalten. Steiner reflektiert dabei immer auch die konkrete (Kriegs-)Situation, wenn er seine abstrakten Gedanken ausführt und macht damit sehr deutlich, wie praxisrelevant sie sind. Man merkt, wie wichtig es ihm ist, dass so gewonnene Erkenntnisse auch wirklich für die Entwicklung des Privatlebens wie aller gesellschaftlichen Bereiche genutzt werden, damit wirkliche Weiterentwicklung möglich ist. Genau diese Notwendigkeit sehe ich heute ebenso. Gerade dieser ausladendere, weitsichtigere Blick täte uns heute so gut. Und dieses feststellend, frage ich mich gleichzeitig, was ist in diesem 90 Jahren eigentlich geschehen, von neuen technologischen Entwicklungen und neuartigen biologischen und politischen Bedrohungslagen einmal abgesehen? Hat so etwas wie geistige Weiterentwicklung und höhere Bewusstwerdung überhaupt stattgefunden. Man mag die Frage verneinen und kann somit an Steiners Diagnosen und leidenschaftliche Appelle direkt anknüpfen. Wie schaffen wir es aber, dieses Anknüpfen konkret auszugestalten? Wie viel Bewusstsein ist überhaupt verbreitet, um dies gesellschaftlich relevant werden zu lassen? Ich würde mir an diesem meinem Geburtstag wünschen, hierauf antworten zu finden, vor allem aber einen sozialen Raum um mich herum, in dem solche Fragen wieder gestellt werden können.

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